Strophen des Omar Chijam ; Deutsch von Adolf Friedrich von Schack

Stuttgart und Berlin : Cotta’sche Buchhandlung, 1879


Nrs. 1-99 Nrs. 100-199 Nrs. 200-299 Nrs. 300-336 Nachwort Anmerkungen


Nachwort
(1878)

Omar Chijam ist schon vor fünfzig Jahren von Rückert als ein "zaubervoller" Dichter gepriesen worden (1) und doch bei uns bisher allen, außer den Orientalisten von Fach, fast völlig unbekannt geblieben. Seine Rubajjat oder vierzeiligen Strophen genießen seit achthundert Jahren im Orient eines großen Rufes und gehören in der Tat, wie zu den ältesten, so zu den interessantesten Erzeugnissen der persischen Literatuur. Die Nachrichten, welche wir über das Leben ihres Verfassers besitzen, sind sehr spärlich und beschränken sich auf folgendes. Omar lebte in der zweiten Hälfte des elften und zu Anfang des zwölften Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Die genaueren Angaben über sein Geburts- und Sterbejahr, die man hier und da findet, scheinen nicht ganz zuverlässig zu sein. Sein Familienname Chijam bedeutet "Zeltmacher", aber, obgleich er selbst in seinen Gedichten mit dieser Bedeutung spielt, darf man nicht annehmen, er habe sich, etwa in seiner Jugend, mit der Fabrikation von Zelten beschäftigt; wie bei unseren Schmid und Müller und den persischen Assar (Weinkelterer), Attar (Wohlgeruchhändler), hatte das Handwerk seines oder mehrerer Vorfahren den Nachkommen ihren Geschlechtsnamen gegeben. Als Geburtsorts unseres Dichters wird bald Laukar bei Marverud, bald Nischapur oder ein Dorf in dessen Umgegend angegeben. Auf der Hochschule letzgenannter Stadt, wo er seine Studien machte, schloß er intime Freundschaft mit zwei später sehr berühmt gewordenen jungen Männern, nämlich mit Nizam al Mulk, dem nachherigen mächtigen Wesir zweier Seldschuckischen Sultane, und mit Hassan Ibn Sabbah, dem Sifter des Assassinen-Ordens. Bei einer ihren häufigen geselligen Zusammenkünfte, so wird erzählt, gelobten sich die drei Freunde gegenseitig, daß, wenn einer von ihnen je zu einer einflußreichen Stelle im Staate gelangen sollte, er die frühreren Studiengenossen nicht vergessen wolle. Nizam al Mulk, als er zu beinahe schrankenloser Macht gelangt war, blieb des Versprechens eingedenk; er machte Hassan zum Hadschib oder Kämmerling und bot auch unserem Omar einen Posten am Hofe an. Aber dieser lehnte ab und begnügte sich mit einem mäßigen Jahrgeld, das ihm erlaubte, sich ganz seinen literarischen Beschäftigungen hinzugeben. Den Gegenstand seiner Studien bildeten vorzugsweise Mathematik und Astronomie, und er verfaßte mehrere, in diese Fächer gehörige Schriften, auch war er einer der Haupturheber der durch Sultan Malik-Schah im Jarh 1074 eingeführten Reform des Kalenders und erwarb sich durch seine wissenschaftlichen Arbeiten den Ruf eines der größten Gelehrten. Einige Zeit vor seinem Tode hatte Omar zu seinem Schüler Nizami aus Samarkand gesagt: "Ich werde an einem Platze bestattet werden, wo der Nordwind Rosen auf mein Grab streuen wird." Nizami hatte sich über diese Worte gewundert, da es im Koran heißt: Niemand weiß, wo er sterben wird. Einige Jahre später aber, als er wieder nach Nischapur kam und die letzte Ruhestatt seines Lehrers besuchte, bemerkte er, daß dieselbe sich an der Mauer eines Gartens befand, wo Bäume ihre Äste über sie breiteten und das Grab ganz mit ihren Blüten überdeckt hatten. (2)

Omar Chijam stand bei seinen Zeitgenossen im Rufe, ein Religionspötter zu sein und war wegen des Inhalts seiner Gedichte den Verfolgungen der Rechtgläubigen bis zur Bedrohung seines Lebens ausgesetzt. (3) Später haben die Sufis seine Strophen mystisch auszulegen gesucht, indem sie Weinrausch und Liebe auf übersinnliche Entzückung und die Vereinigung mit der Gottheit deuteten. Allerdings enthalten einige Verse Omars unzweifelhaft einen mystischen Sinn, was sich wohl am leichtesten so erklären läßt, daß in irgend einer Periode seines Lebens ein Umschwung in seiner Geistesrichtung nach der einen oder anderen Seite hin stattgefunden hat; aber in der Mehrzahl seiner Strophen erscheint er durchaus als Freigeist, und zwar in so unzweideutiger Weise, daß man kaum begreift, wie nur der Versuch gemacht werden konnte, ihnen einen anderen Sinn, als den klar ausgesprochenen, unterzuschieben. Freilich wird uns dies eher glaublich erscheinen, wenn wir uns erinnern, daß auch dem Hohenliede, ja den Sonetten des Petrarca eine religiöse Deutung gegeben worden ist.

Wenn in vielen und den meisten Strophen Omars Wein und sinnlicher Lebensgenuß in ausgelassener Weise verherrlicht werden, wenn in anderen der Spott über die Theologen vorherrscht, so finden sich in seiner Sammlung doch auch manche von tieferem und ernstem Gehalt. Die Klagen unseres Persers über die Nichtigkeit der ganzen Erscheinungswelt, über die Leerheit alles Strebens und die Unmöglichkeit dauernder Befriedigung zeigen, wie alt der sogenannte Weltschmerz ist, von dem viele glauben, er sei ein Produkt der neuesten Zeit. Eine wühlende Skepsis macht sich bald in Verzweiflungslauten, bald in sarkastischen Ausbrüchen Luft. Hier und da wird ein sanfterer Ton der Klage über die Vergänglichkeit und Hinfälligkeit alles Irdischen angeschlagen; auch fehlt nicht einzelnes Gemüt- und Seelenvolles, wie wir es von dem Dichter, den wir erst eben wild mit dem Weltgeschicke hadern oder in bachantischem Taumel den Becher heben sahen, kaum erwarteten, und einige seiner Strophen gehören zu dem Reizendsten und Seelenvollsten in der ganzen morgenländischen Poesie. Überhaupt enthalten Omar Chijams Vierzeilen schon alles, was den um zwei Jahrhunderte späteren Ghaselen des Hafis ihren Wert gibt, weit treffender und körniger, besonders haben sie den großen Vorzug der Einheit des Gedankens, während bei dem jüngeren Dichter die einzelnen Doppelverse meistens nur ganz lose und ohne inneren Zusammenhang aneinander gereiht sind. Es ist hier von Hafis, wie er wirklich ist, die Rede, nicht von den mit Heineschen Pointen und aller pikanten Würze des modernsten Geistes ausgestatteten Gedichten Daumers, welche viele für eine Übersetzung oder Nachbildung Hafischer Lieder halten. Ich bin ein entschiedener Verehrer dieser Daumerschen Poesien, aber es ist mir unbegreiflich, wie man je in ihnen etwas anderes hat sehen können, als eigene Dichtungen des Verfassers, (4) in denen nur hier und da, wie dies auch in Rückerts östlichen Rosen der Fall, ein Vers oder Gedanke des Persers benutzt ist. Da wir längst, abgesehen von der Übersetzung Hammers (die, wie ungenießbar auch, doch zu dessen besten Arbeiten gehört), eine gute Übertragung des Hafis von Rosenzweig besitzen, so kann jeder sich leicht hiervon überzeugen. Das nun Omar Chijams Strophen, wie sie hier im deutschen Gewande erscheinen, betrifft, so habe ich zwar in Bezug auf den Wortlaut oft mit beträchtlicher Freiheit geschaltet, jedoch Sinn und Geist einer jeden wiederzugeben gesucht. Im Original hat jedes dieser Rubajjat nur einen Reim in den beiden ersten und der vierten Zeile, während die dritte gewöhnlich Reimlos ist; ich habe mich jedoch an diese Regel nicht gebunden; ebensowenig konnte die Anordnung, in welcher die Gedichtchen in den persischen Manuskripten einander folgen, für mich maßgebend sein, da sie ohne Rücksicht auf den Inhalt eine alphabetische ist. Nur in einigen Fällen hängen zwei nebeneinander stehende Strophen zusammen.

Ich lernte den Omar Chijam schon vor vielen Jahren in einer, 1836 zu Kalkutta gedruckten, sehr seltenen Ausgabe kennen und übertrug die Mehrzahl der darin enthaltenen Strophen. Diese Nachbildung, der später noch einziges hinzugefügt wurde, erscheint denn hier, nachdem mehr durch Zufall als durch meinen Willen das nonum prematur in annum in fast dreifachen Maße bei ihr beobachtet worden ist. Neuerdings hat eine in Paris von Mr. Nicolas veranstaltete Ausgabe den merkwürdigen Dichter zugänglicher gemacht, doch vermisse ich in derselben verschiedene Strophen, die der Kalkutta Druck enthält, sowie andere, welche ich aus dem großem persischen Lexikon, Heft Kulzum und sonstigen Quellen gesammelt hatte. (5) Die Interpretation des Mr. Nicolas scheint mir viel mehr ein dicker Nebelschleier, der den persischen Text verhüllt, als ein Führer zu dessen Verständnis zu sein; die Art, wie der Franzose nach Anleitung persischer Sufis alles mystisch deutet und unter Wein, Becher, Zypresse u.s.w. die Gottheit versteht, streift ans Burleske. Dabei soll jedoch nicht geleugnet werden, daß die Strophen Omars hier und da eine verschiedenartige Auslegung zulassen.

Nicht alle Rubajjat habe ich wiedergegeben, sondern nur diejenigen, welche mir als die vorzüglichsten erschienen; wenn sich unter diesen doch noch einige unbedeutende, sowie Wiederhohlungen desselben Gedankens finden, so mag mich der Reiz der persischen Verse bestochen haben; auch darf ich wohl hervorheben, daß manches was wir, wenn von einem unserer Zeitgenossen ausgesprochen, für nicht eben bedeutend halten würden, als Äußerungen eines mohammedanischen Dichters des elften Jahrhunderts beachtenswert sein kann. Beschäftigen wir uns doch mit den dichterischen Erzeugnissen frührerer Zeiten nicht ausschließlich zum Zweck des poetischen Genusses, sondern auch wegen des historischen und kulturhistorischen Interesses, das sie bieten.


1) Jahrbücher der Literatuur, Band 40, Wien 1827, Seite 209. Dieser Aufsatz ist später wieder gedruckt unter dem Titel: Grammatik, Poetik und Rhetorik der Perser von Friedrich Rückert, herausgegeben von W. Pertsch. Gotha, 1874.

2) Hyde, De religione veterum Persarum, pag. 499.

3) S. L'Algèbre d'Omar Alkhayyami, publiée par Woepke. Paris 1851, pag. VI.

4) Dasselbe gilt von den herrlichen Ghaselen Rückerts, welche die Überschrift Dschelaleddin Rumi führen, aber von dem Dichter gar nicht für Übersetzungen oder Nachbildungen, sondern nur für Poesien im Geiste des persischen Mystikers ausgegeben worden sind:

			Dschelaleddin so heißt Licht im Ost
			Des Widerschein euch zeiget mein Gedicht.

Die meisten dieser Rückertschen Ghaselen, darunter das berühmte: "Wohl endet Tod des Lebens Not" sind durchaus deutsche Originaldichtungen; nur in einzelnen klingt dieses oder jenes aus den überaus mangelhaften und oft unverständlichen Übersetzungen Hammers in dessen Geschichte der persischen Redekünste durch. Daß Rückert der persische Text gar nicht vorgelegen hat, läßt sich leicht erkennen und wird jetzt auch ausdrücklich bestätigt. (S. Rückert: Studien von Voxberger. Gotha 1878, S. 224) Eine reichhaltige Sammlung wirklicher und wohlgelungener Übertragungen von Ghaselen des Dschelaleddin har Rosenzweig mit dem Originaltext herausgegeben (Wien 1838), aber dieselbe scheint, wie dies oft das Schicksal gerade des Guten ist, wenig bekannt geworden zu sein.

5) Diese Strophen sind mit einem * bezeichnet.