Strophen des Omar Chijam ; Deutsch von Adolf Friedrich von Schack

Stuttgart und Berlin : Cotta’sche Buchhandlung, 1879


Nrs. 1-99 Nrs. 100-199 Nrs. 200-299 Nrs. 300-336 Nachwort Anmerkungen


Anmerkungen


Strophe 14 und 15. Diese beiden Strophen beziehen sich auf die von Muhammed so viel eingeschärfte Prädestinationslehre, wonach Gott unwiderruflch von Ewigkeit her nicht allein jedes Menschen Schicksal bis in die kleinste Einzelheit festgestellt, sondern auch seinen Glauben oder Unglauben, seine guten oder schlimmen Handlungen, mithin seine Seligkeit oder Verdammnis nach dem Tode vorherbestimmt hat. Im Propheten selbst scheinen zeitweise Bedenken gegen diese Lehre aufgestiegen zu sein; denn unter den Reden, welche nur die mündliche Tradition ihm zuschreibt, findet sich eine, in welcher Adam und Moses folgendermaßen miteinander streitend aufgeführt werden: dieser macht jenem den Vorwurf, wegen seiner Schuld seien die Menschen aus dem Paradiese vertrieben worden. Adam fragt hierauf, ob es wahr sei, daß Gott das Schicksal aller Menschen schon vor der Erschaffung der Welt bestimmt habe. Als Moses dies bejaht, tut jener weiter die Frage:
"Und ist es wahr, daß in dem Schicksalsbuche geschrieben steht: Adam empörte sich gegen seinem Herrn und sündigte?" - Nachdem auch dies eingeräumt worden, fährt Adam fort: "Wie kannst du mich denn tadeln, daß ich das getan habe, was Gott schon fünfzigtausend Jahre vor Erschaffung des Himmels und der Erde in Betreff meiner festgestellt hat?"

Strophe 26. Nach dem Glauben der Moslimen ist der Koran, der von Ewigkeit her vorhanden gewesen, in der heiligen Nacht Al Kadir oder Kadr (der Nacht vom 23sten zum 24sten des Monats Ramadhan) vom Engel Gabriel aus dem siebenten Himmel zur Erde gebracht worden. Inder 97sten Sure des Koran heißt es: "Wahrlich, wir haben ihn, den Koran, in der Nacht Al Kadir geoffenbart. Die Nacht Al Kadir is besser als tausend Monate. In derselben stiegen herab die Engel mit dem Geiste (dem Engel Gabriel) und brachten Bestimmungen über alle Dinge."

Strophe 29 und 30. Bekanntlich ist der Wein an mehreren Stellen des Koran, namentlich in der 2ten und 5ten Sure, verboten und die gewissenhaften Muhammedaner betrachten es als eine Sünde, nicht nur den Wein zu kosten, sondern auch Trauben zu keltern und zu solchem Zwecke zu verkaufen; dennoch ist dieses Verbot selbst in den ersten Zeiten des Islam kaum allgemein beachtet worden.

Strophe 39. Noch heute ist es bei den Persern, wie bei verschiedenen anderen morgenländischen Völkern üblich, vor dem Trinken einige Tropgen Wein auf den Boden zu sprengen.

Strophe 43. Der hier gemeinte Welteroberer ist Mahmud der Gasnewide (997 bis 1030 unserer Zeitrechnung), bekannt durch seine gewaltigen Kriegszüge nach Indien, bei deren letztem er den großen Tempel von Summat zerstörte und dessen berühmte Sandelholztore als Trophäen nach seiner Residenz Gasna brachte. Er ist es, an dessen Hofe Firdusi lebte.

Strophe 54. Zweiundsiebzig Religionen sollen nach Annahme der Muhammedaner auf der Erde herrschen. Nach einigen ist der Islam in dieser Zahl einbegriffen, nach anderen nicht.

Strophe 58. Mufti ist derjenige, welcher das Gesetz des Koran auslegt und Rechtsaussprüche (Fetwas) erläßt, die für alle analogen Fälle zu gelten haben; mit den einzelnen Fällen hat es dann der Kadi oder Unterrichter zu tun.

Strophe 88. Kai Chosru, der größte Herrscher aus der altiranischen Dynastie der Kajaniden; seine abenteuervollen Jugendschicksale, dann seine an großen Taten reiche Regierung und sein wunderbares Ende sind in einem des herrlichsten Teile von Firdusis Schahname besungen.

Strophe 93. Die Muhammedaner halten auch Jesus für einen Propheten, nur für einen geringeren als Muhammed; sie glauben, beim Weltgericht werde er auf einem Turm bei Damaskus niedersteigen und sich zum Islam bekennen.

Strophe 107. Feridun, einer der älteren Könige von Iran. Die beiden berühmtesten Begebenheiten seiner Regierung sind sein Sieg über den Tyrannen Zohak und sein Kampf mit seinen beiden ruchlosen Söhnen, die ihm den Lieblingssohn Iredsch erschlugen.

Strophe 109. Simurg, der Wundervogel der persischen Sage, welcher am Rande der Welt auf dem Gebirge Kaf wohnt.

Strophe 119. Kai Kawus, einer der altiranischer Könige, der in Firdusi's Gedichte eine große, aber wegen seiner Hoffart und seines Übermutes nicht glänzende Rolle spielt.

Strophe 120. Im Persischen beruht dies auf einem Buchstabenspiel, indem dasselbe Wort, je nachdem der Punkt über oder unter dem Anfangsbuchstaben steht, Gott oder Trennung bedeutet. Der weitere Sinn, daß der Mensch nur durch einen Punkt, nämlich durch seine sterbliche Hülle, von der Gotteheit getrennt sei, ist leicht erkennbar.

Strophe 121. Einige der mit einem * bezeichneten Gedichtchen haben mir nur in einer englischen Übersetzung von 110 Rubajjat des Omar Chijam vorgelegen, welche anonym erschienen ist Lodon (sic), Quaritch 1868. Dieselben sind vermutlich einem der Manuskripte von Omars Strophen entlehnt, welche, gleich den beiden gedruckten Ausgaben, sowohl in den Lesearten als in der Anzahl der Gedichte erstaunlich variieren.

Strophe 135. Wenn die Versuche der Sufis, Omars Versen eine andere Bedeutung, als die klar ausgesprochene, unterzulegen, in den meisten Fällen als höchst gezwungen erscheinen, so könnte man doch der vorliegenden Strophe auch den Sinn geben: am jüngsten Tage werde ich an Gott die Frage richten, weshalb er mir denn das Leben genommen habe; denn die persischen Dichter reden sowohl die Gottheit, wie ihr Liebchen mit: "o mein Idol" an.

Strophe 179. Iblis, der gefallene Engel oder Luzifer der muhammedanischen Sage, wurde nach dem Koran aus dem Himmel verstoßen, weil er sich weigerte, dem ersten Menschen zu huldigen. Der Dichter meint also, wenn Iblis nur einen Schluck Wein getrunken hätte, so würde das Böse nie in die Welt gekommen sein.

Strophe 199. Bahram, der neunte Herrscher der Sassaniden-Synastie, wegen der Leidenschaft, mit welcher er die Jagd der wilden Esel betrieb, Bahram-Gur genannt.

Strophe 204. Hier spielt Omar mit seinem Geschlechtsnamen Chijam, welcher Zeltmacher bedeutet.

Strophe 277. Irem hieß der prachtvolle Garten und Palast, mit welchem der König Schedad vom Stamme Aad das Paradies übertreffen wollte. Als der Garten in voller Pracht stand, strafte Gott den Besitzer wegen seiner frevelhaften Überhebung; die ganze Wunderanlage verschwand und niemand hat seitdem den Eingang wiedergefunden. - Der Rubinenbecher Dschemschids, des gefeiertsten unter den ältesten Herrschern von Iran, war ein durch sieben Linien abgeteiltes Trinkgerät; je nachdem es bis zu der einen oder der anderen Linie angefüllt wurde, ließ es die Geheimnisse eines der sieben Erdgürtel sehen.

Strophe 312. Ramadhan, bekanntlich der heilige Monat, in welchem den Muhammedanern die Religionspflicht obliegt, jeden Tag von Aufgang bis Untergang der Sonne zu fasten.