Strophen des Omar Chijam ; Deutsch von Adolf Friedrich von Schack
Stuttgart und Berlin : Cotta’sche Buchhandlung, 1879
Nrs. 1-99 Nrs. 100-199 Nrs. 200-299 Nrs. 300-336 Nachwort Anmerkungen
300. O grimm'ges Schicksal! nichts als nur Verheerung Übst du seit Anbeginn and als Zerstörung! Und du, o Erde! wie viel Weise, Grße Und Edle ruhen schon in deinem Schoße! 301. Versäume nicht, an dem köstlichen Naß Der Rebe dich hier zu erlaben; Nie wird man wieder, bedenke das, Hervor aus der Erde dich graben. 302. Recht hast du, daß du die Sünden verzeihst; Anklagen ja könnte man sonst dich dreist, Daß du, deralles vorhergewußt, Mitschuldig an diesen Sünden seist. 303. Leb froh, solang dein Leben währt! Nach deinem Erblassen Noch werden Menschen viel auf Erden sein, Allein umsonst wird nach dem Leib, den sie verlassen, Am jüngsten Tage deine Seele schrei'n. 304. Ist der Sinn von Wein und Rosen doch nur Weinverehrern klar! Ihn begreifen Geistesarme, Herzensschwache nimmerdar; Während ihre Stumpfe Seele nur das Niedrigste gewahrt, Wird den Trinkern des Genusses höchste Wonne offenbart. 305. Lieg' ich im Rausch, so wüßt' ich nicht, was es mich kümmern sollte, Wenn kugelgleich die ganze Welt in einen Abgrund rollte. Mich selbst verpfändet' ich für Wein erst gestern in der Schenke; Da sprach der Wirt: "Ein sichres Pfand! das liegt doch fest, ich denke!" * 306. Schon naht der neue Mond, der tröstungsreich Der langen fasten Ende und verkündet; Sieh! wie der alte mager, matt und bleich Von Nüchternheit dort hin am Himmel schwindet! 307. Wie du mich aus Wasser und Erde geformt, so hab' ich gelebt, was kann ich dafür? Ob niedrige Wolle, ob prächt'ger Brokat, du hast mich gewebt, was kann ich dafür? Mir im Voraus auf die Stirne schon geschrieben hast du mein Lassen und Tun, Drum ob ich böse Taten verübt, ob Gutes erstrebt, was kann ich dafür? 308. Freund! laß jeglichen Gedanken an die Zukunft uns begraben! An der Lust des Augenblickes muß sich der Verständ'ge laben! Morgen, wenn wir sterben müssen, werden wir Genossen derer, Die vor siebentausend Jahren diese Welt verlassen haben. 309. Einst werden zu Staube meine Glieder, Der Staub wird zu Krügen verwandelt sein; Doch, füllt man diese Krüge mit Wein, Aufleben dann werd' ich vor Freude wieder. 310. Von Wein und von Honig im Paradies Sprecht ihr und von Huris, den schönen, Und was der Prophet uns da drüben verhieß, Das wollt ihr auf Erden verpönen? 311. Trost kommt mir nur von dir in meines Herzens Trauer; Was zögerst, Schöne, du, mir deine Huld zu gönnen? Auch deine Schönheit hat, bedenk, nicht ew'ge Dauer; Bald keinen mehr vielleicht wirst du beglücken können. 312. Verzeih mir, o Gott, wenn ich an des Ramadhan Tagen getrunken! Allein so arg hat die Zeit der Fasten mir mitgespielt, Daß ich, in die tiefste Trübsal versunken, Auch ihre Tage für Nächte hielt. 313. Sieh, wie der Mond die Nacht zerteilt! bei seinen Lichtstrahlen froh uns wollen wir ergehn; Ach! oftmals noch wird er auf Erden scheinen, Allein vergebens nach uns beiden späh'n. * 314. Wohl oft schon schwur ich, zu bereun; allein Im Rausche muß es wohl gewesen sein; Bald kam der Frühling, Rosen in der Hand, Und riß entzwei mein härnes Bußgewand. 315. Gestatte den Tagen nicht noch den Nächten auf Erden, Dich zu betrüben! Was immer du treibst und tust, Bedenke, daß stets von neuem geboren sie werden, Indessen auf ewig du dort unten rust! 316. Mit der Welt wie sie ist - so lautet mein Rat - Dich abzufinden mußt du sinnen; Nur mit den Karten, die einer hat, Vermag er das Spiel zu gewinnen. * 317. Den Hörsaal mancher Weisen, mancher Frommen Hab' ich besucht, von Wissensdurst entglommen, Doch durch die Tür, durch die ich eingegangen, Stets bin ich auch herausgekommen. * 318. Kaum daß der Ruhe wir am Lebensquell Auf unsrer Erdenwüstenreise pflegen, So bricht die Karawane auf und schnell Geht unsre Fahrt dem Nichts entgegen. * 319. Weh denen, welche Liebe nie gekannt, Nie ihre Lust gefühlt und ihre Leiden, Und deren Augen keine teure Hand Zudrückt, wenn sie von dieser Erde scheiden! 320. Trink' ich, so ist es nicht zum Hohn der Frommen, Noch um im Wohlsein üppig auszuruhn, Nein, um nur einmal, meinem Selbst entnommen, Frei einen Atemzug zu tun. 321. Wer wohl das wechselnde Geschick der armen Menschenwelt erwägt, Ihm ist es gleich, ob fröhlich er die Zeit verbringt, ob Kummer trägt; Sag an, wenn man zu guter Letzt im Erdenschoße dich begräbt, Was kümmert's dich, ob du in Glück, ob du in Mißgeschick gelebt. 322. Ein schmutz'ger Mönch im Kuttenrock, gewoben wie aus Höllenrauch, Trat frech in unsre Schenke heut und goß, der Unhold, aus dem Sclauch Den edlen Wein zu Boden aus mit Poltern, Predigen und Schelten; O sprecht! wer solche Tat verübt, kann er für einen Menschen gelten? 323. Wer möchte wankelmütig je dem Wein die Treue brechen? Die Lebensquelle strömt in ihm, drum laßt von ihm mich zechen, Und, wenn ich ihm entsagen muß, zu gleicher Zeit enthoben Will ich der Pflicht mich achten, Gott im Dankgebet zu loben. 324. Da die Dinge sich auf Erden nie nach unserm Wunsch gestalten, Was bemühn wir uns und ringen wider des Geschickes Walten? Immer seufzen wir und klagen, hadernd mit des Himmels Schlüssen: "Ach daß wir zu spät gekommen! daß zu früh wir scheiden müssen!" 325. Schon glühn von Wein die Wangen der Schönen, höher entflammt, Längst hab' ich es fürwahr, zweihundert Gelübde gebrochen allzusamt; O besser ist es fürwahr, zweihundert Gelübde zu brechen, Als einen einzigen Krug, der dienen noch kann zum Zechen. * 326. Seit meinem Götzen ich das Herz geschenkt, Hat sich zum Schlimmen alles mir gewandelt; Sie haben meinen Ruf in Wein versenkt Und für ein Liedchen meinen Ruhm verhandelt. 327. Da wir doch von hinnen müssen, o was hilft dies ganze Leben? O was hilft's, nach einem Glücke, das unmöglich ist, zu streben? Besser denkt, wer seines Daseins ganze Flüchtigkeit erfaßt, An den Aufbruch für die Reise, als an diese kurze Rast. 328. Zähl dutzendfach mir vor, wie viel im Leben Ich der Gesetze frevelnd übertreten, Um mir alsdann beim Grabe des Propheten Die Sünden dutzendweise zu vergeben! 329. O Herr der Herren, heiliger Prophet, willst du, daß ich dir künde, An welchen Tagen gern der Mensch am Weingenuß sich laben mag? Am Sonntag und am Montag ist's, am Dienstag, Mittwoch, Donnertag, Freitag und Samstag; und du willst verpönen den Genuß als Sünde? 330. Nicht um den Weltlauf gräme dich du! So wird ein fröhliches Leben erzielt. Mit dem, was du hast, zufrieden sieh zu, Wie mit den andern das Schicksal spielt! 331. Was ist euch die Seele von Sorge beklommen, Ihr, die ihr die Kürze des Lebens betrauert? Denkt! hätte die Freude den andern gedauert, An euch nie wäre die Reihe gekommen. 332. In unsrer Größe Trunkenheit wie waren wir so eitel! Bis jenseits noch vom Monde stolz erhoben wir den Scheitel; Nun aber wird der Körper, drin wir lebten, uns genommen, Und in die Erde kehren wir, aus welcher wir gekommen. 333. Niemals noch, solang ich denke, war das Glück mit mir im Bunde, Niemals noch hat eine Freude mir dies schale Sein gewürzt, Nie auf Erden noch genoß ich eine fröhliche Sekunde, Daß mich nicht in Schmerzenstiefen noch derselbe Tag gestürzt. * 334. In Höhn und Tiefen, nah und fern Hab' ich die Welt durchforscht, ihr Schönstes zu erkunden, Allein am Himmel keinen Stern, Auf Erden keine Blume, schön wie du, gefunden. * 335. Erkunden wollt' ich, wo der Garten Eden Und wo die Hölle sei, der Marterort; Da höhrt' ich meinen Meister also reden: "In dir sind beide; such sie dort!" 336. Schon lassen muß ich diese Welt; von hundert Edelsteinen, Durch die ich sie erfreun gewollt, ach! gab ich ihr nur einen, Und der Gedanken viel, die sie noch nicht vermocht zu fassen, Muß ich unausgesprochen nun mit mir begraben lassen.