1.
Füll' meinen Becher mit Wein von rosiger Glut,
Gieß durch die Kehle der Flasche sein reines Blut,
Denn außer diesem rosigen Wein ist
Kein Freund mir bekannt, dessen Inn'res so rein ist.2.
O Wein voll Reinheit und Perlenglanz!
Dein Geist soll moch Thoren erfüllen, daß ganz
Ich werde wie Du - und man ruft mir zu:
Guten Morgen, Herr Wein! Woher so rein?3.
Seit der Mond und Venus am Himmel stehn,
Ward auf Erden nichts Edleres als Wein gesehn.
Der Weinhändler ist ein erstaunlicher Mann,
Da er Bessres verkauft als er kaufen kann.4.
Von jenem Wein trinke, der ewiges Leben giebt,
Das Herz verjüngt, dem Geist hohes Streben giebt.
Er brennt wie Feuer - aber wie Lebenswasser
Löst er die Schmerzen, die es zu heben giebt.5.
O meine Freunde, gelobt, einst munter Euch
Hier zu versammeln, wenn ich nicht mehr unter Euch,
Den Pokal voll alten Weins zu schenken
Und trinkend des armen Chajjam zu gedenken.6.
Ein Glas Wein wiegt hundert Herzen auf,
Mit hundert Religionen im Kauf.
Nicht um das Kaiserreich China gebe
Ich preis die herbe Tochter der Rebe.
Was kann von den Schätzen auf Erden
Mit ihr verglichen werden?
Was uns das trübe Leben gewährt,
Hat Werth nur, wenn durch sie verklärt.17.
Den rohen, geistlosen Trinker such' wo möglich zu meiden,
Du hast sonst von den Folgen immer höchlich zu leiden:
Nachts macht er durch wüstes Benehmen Dir Plage
Und verdirbt Dir die Kanne durch Entschuldigung bei Tage.8.
Ein guter Schluck Wein ist soviel wie die Herrschaft der Welt werth,
Der Deckel des Krugs ist soviel als was sonst an Rang hochgestellt, werth.
Das Tuch, womit vom Weine die Lippen Dir trocknest,
Ist mehr als heilige Turbans und was sonst dazu sich gesellt werth.9.
Rubinfarb'nen Wein in krystall'nem Pokal bring',
Den Tröster der Herzen und Lindrer der Qual bring'.
Da Du weißt, wir sind Staub, der im Winde verweht:
Bis Dahin Wein zum fröhlichen Lebensmahl bring'!10.
Wohl thut mir's, mit guten Freunden zu Sitzen bei gutem Weine,
Wenn mich der Kummer zernagt, thut mir's wohl, daß ich weine.
Da diese traurige Welt uns doch bald zu zerstäuben sucht,
Bleibt das Beste, daß man sich darin zu betäuben sucht.11.
Freund, trinke von diesem quellreinen Wein,
Es soll der herzliebsten zum Gedächtniß sein.
Der Wein ist das Blut der Rebe, die spricht: Freund,
Verschmähe, was ich Dir gebe, nicht, Freund!12.
Trink rosigen Wein, wenn die Knospen springen
Und laß Flöten und Harfen beim Becher klingen.
Ich selbst mach' es so, mög' es gut mir gedeihn!
Bist Du anderen Sinns, magst Du Steine verschlingen!13.
Bist Du traurig, nimm ein Körnchen Haschisch in den Mund,
Oder leer' eine Schaale rein bis zum Grund.
Du bist Sufi geworden, doch hältst Dich vom Weine
Fern wie vom Haschisch: so iß Kieselsteine.14.
Wenn Du Wein trinkst, thu's mit klugen Köpfen,
Oder mit schönen reizvollen Geschöpfen.
Trink nicht zuviel und halt's hübsch geheim,
So erstickst Du den Tadel der Welt schon im Keim.15.
Trink Wein mit schlanken, herzraubenden Wesen,
Und vom Biß der Schlange des Grams zu genesen.
Ich trinke, mich auf vom Staube zu schwingen:
Trinkst Du nicht mit, magst Du Staub verschlingen!16.
Das Morgenroth winkt, was zögerst Du?
Steh auf, füll' den Becher und trink mir zu.
Dies flüchtige Dasein wird bald verschwinden:
Genieß es, Du wirst es nicht wiederfinden.17.
Guter Wein ist dem Reiche Dschem's vorzuziehn,
Selbst der himmlischen Speise, Maria verlieh'n;
Bu-Said's und Adhem's erbauliche Klagen
Wollen mir minder als Seufzer beim Weine behagen.18.
Laß den Himmel mit seinem Geheimniß in Frieden,
Trink Wein und erfreu' Dich des Schönen hienieden:
Noch Keiner kam wieder aus jenen Bezirken,
Zu melden, wie unsre Gebete dort wirken.19.
Wir denken wieder an unser Weingeräthe
Und lassen den Andern ihre fünf Tagesgebete.
Wo wir Flaschen mit langen Hälsen entdecken,
Wollen wir, lang wie sie, unsere Hälse strecken.20.
Auf schwingt sich die Sonne, auch uns aufzuschwingen;
Trink Wein und laß Deine Harfe erklingen.
Die Langschläfer haben kein langes Glück,
Und von den Entschlaf'nen kommt Keiner zurück.21.
Gestern traf ich auf eignen weinseligen Pfaden
Einen Greis, mit einem großen Weinkrug beladen.
Ich frug: hast Du vor Gott weder Furcht noch Scham?
Er sprach: Gott ist gnädig gar wundersam.22.
Wie lange nimmst Du Dir noch Deine Mißerfolge zu Herzen?
Sorgen um Künftiges machen die größten Schmerzen;
Halte beim Weine froh vor der Welt verborgen,
Wein vermehrt nicht, er mindert die Bitterkeit Deiner Sorgen.23.
Der Wein, als Nahrung erleuchteten Strebens,
Ist für mich die Quelle des ewigen Lebens,
Ein Balsam der Seele. Gott selbst hat verkündet:
"Im Wein ist der Vorzug des Menschen begründet."24.
Ob der Wein auch verboten, trink Du ohne Zwang
Am Morgen und Abend, bei Spiel und Gesang.
Wo rubinfarb'ner Wein Dich ladet zum Fest,
Gieß einen Tropfen zu Boden und trinke den Rest.25.
Ein klarer Geist ist der Wein, den ich im Becher erhasche,
Eine klare Seele ist er im Körper der Flasche.
Nur ein erleuchteter Gast ist werth zu erscheinen,
Wo hier beim Becher sich Geist, Klarheit und Festigkeit einen.26.
O Chajjam, die Zeit selber empfindet Scham
Für den, der sie ausfüllt mit nutzlosem Gram.
Aus krystallener Schale bei Harfenschall
Trink Wein, eh' in Scherben zerspringt der Krystall.27.
Wird mir kein Friede zutheil
Versuch' ich im Streit mein Heil.
Will man den guten Namen mir nehmen,
Werd' ich mich für die Andern schämen.
Rubinfarbenen Wein
In den Becher gießt ein,
Dem ihn schmähenden Tropf
Flieg ein Stein an den Kopf.28.
Sieh, das Frühroth zerriß den nächtlichen Schleier
Erheb' Dich und athme beim Frühtrunke freier.
Vertrink Deinen Gram!
Wie es heute kam,
So wird das rosige Himmelslicht
Noch oft uns zeigen sein Angesicht,
Wenn wir, längst in der Erde geborgen,
Nicht wissen, ob's Nacht ist oder Morgen.29.
In frischer Menschenblumen Geleit
Laß auch Wein und die Blumen der Flur nicht Weit!
Eh der Todeswind Dein Lebensgewand
Wie die Blumen zerreißt mit rauher Hand.30.
Wie lange willst Du noch jammern über das Weltgeschick?
Genieß lieber in Frieden jeden Augenblick.
Wenn die Erde mit Blumen sich schmückt im Lenze,
Was an Glück Dir noch fehlt, durch Wein ergänze!31.
Verwirre Dein Hirn nicht durch unnützes Gegrübel.
Such immer nur im Wein die Heilung aller Uebel.
Ein von der Tochter der Rebe heimlich geraubter Kuß
Ist besser als ein von der Mutter Jedem erlaubter Kuß.32.
Führ' einen Becher Wein zum Munde
Und sing mit der Nachtigall im Bunde,
Will man ihn ohne Klang genießen,
So wird er von selber klanglos fließen.33.
Am klügsten lebt wer so am Wein sich erfreut,
Daß ihn weder Vergangnes noch Künftiges bedräut.
Nur so sind auf ein Kurzes die Fesseln zu sprengen,
Die durch den Verstand unsre Seele bedrängen.34.
Eine Stimme scholl Morgens zu mir aus der Schenke:
Steh auf, närr'scher Schwärmer, Dein Heil bedenke -
Füll', ehe das Maaß unsres Schicksals gefüllt ist,
Bei uns noch das Maaß mit edlem Getränke!35.
Komm, komm zu mir, von allen nichtigen Dingen
Im Geist des Weins Dich mit mir aufzuschwingen.
Erforsch' beim vollen Krug der Traube Macht,
Eh' Krüge man aus unserm Staube macht.36.
Wenn ich todt bin, so wascht mit Wein meine Glieder,
Und am Grab, statt Gebete, singt lustige Lieder;
Und forscht Ihr nach mir am jüngsten Tage,
Ihr findet im Staub vor der Schenke mich wieder.37.
Da Niemand Dir bürgen kann für morgen,
Befreie dein Herz noch heute von Sorgen.
Freu' Dich des Weines! Der Mond wird noch kreisen
Am Himmel, wenn wir längst im Grabe geborgen.38.
Schwing' Dich zum Höchsten durch Wein und Liebe,
Ob dabei auch Dein guter Name zerstiebe.
Der Nüchterne fühlt nichts als Jammer und Schmerz, -
Begeisterung nur trägt und himmelwärts.39.
Beim Himmel! kein Weiser wandelt durch's Leben,
Nur um Scheingüter dieser Welt zu erstreben!
Wer mich trunkenbold schilt, der bedenke,
Da droben im Himmel giebt's keine Schenke.40.
Trinkst Du keinen Wein, laß uns doch ruhig zechen:
Ich kennen keinen Gott, dem das gilt als Verbrechen.
Die frommer Enthaltung vom Wein sich rühmen,
Wollen dadurch nur schlimmere Laster verblümen.41.
So will ich berauscht sein von geistiger Labe,
Daß der Wohlgeruch mich überlebt im Grabe,
Und nur Halbberauschte an meiner Gruft
Ganz trunken hinsinken, berauscht vom Duft.42.
Wenn ich, den Becher zur Hand, froh berausche mich
Und mit erhöhtem Verstand, so belausche mich;
Wie erscheint mir die Welt dann so wunderbar
Und alles Geheimniß der Schöpfung so klar!43.
Da ein Tag dahin eilt auf flüchtigen Sohlen
So schnell wie Ausathmen und Athemhohlen:
Trink Wein, Freund, Du weißt ja, die Welt geht zu Grunde,
So sei's auch mit dem, was du führest zum Munde!44.
Wir überlassen uns ganz dem Willen des Weines;
O Rebentochter, mein Herz ist nun Deines!
Die Flasche in der Rechten, die Schale in der Linken,
Läßt der Schenke uns selig Dein Herzblut trinken.45.
Weil ich heut noch das Kleid der Jugend trage,
Mach' ich den Tag mir zum Festgelage.
Schäht nicht die herbe Tochter der Rebe,
Sie verklärt mir hold meine bitteren Tage.46.
In unserm Kreise gilt kein falsch Gepräge.
Ein Greis sprach zu mir auf dem Schenkenwege:
Laß uns des Lebens Bestes nicht versäumen,
Eh wir den langen Traum im Grabe träumen.47.
Wenn ich nüchtern bin, ist mein Glück nicht vollkommen,
Ich brauche zur innern Erleuchting Wein;
Das Glas mit Verstand zur Hand genommen -
Und in Geist und Herzen ist Sonnenschein.48.
Nimm Dir ein Beispiel an der Tulpe, welche
Des Himmels Gaben zeigt im blühenden Kelche.
Halt hoch den Kelch und küsse Tulpenwangen,
Eh' Dir der Athmendazu ausgegangen.49.
Im Traum scholl eine Stimmemir in's Ohr:
Im Schlaf erblüht Dir nichts des Glückes Rosenflor.
Trink lieber Wein! Schlaf gleicht dem Todeszustand,
Du hast noch Zeit dazu im ewigen Ruhstand.50.
Lange bin ich zwischen Wein und Rosen gewandelt,
Vom launischen Schicksal meist schlecht behandelt;
Doch hatt' ich auch der Enttäuschungen viele:
Keinen anderen Weg mir such' ich zum Ziele.51.
Füll mir den Becher, mein Herz steht in Flammen,
Und wie Quecksilber nur hält das Leben zusammen.
Des Glückes Erwachen ist nur ein Traum,
Und das Feuer der Jugend zerstiebt wie Schaum.52.
Wein trinken und mich freuen
Laß ich mir nie gereuen.
Gleichgültig sind mir die Ketzer,
Wie die frommen Glaubenshetzer.
Ich fragte die Welt, die alte,
Was sie als Bestes enthalte
In ihrem großen Gebäude;
Sie sagte: "des Herzens Freude!"53.
Kobad's Thron und Thus' und Kavus' Reich
Kommt einem guten Glas Wein nicht gleich.
Der Liebenden Seufzer und Klagetöne
Sind besser als als heuchlerisch Andachtsgestöhne.54.
Ich trinke nicht Wein, um zu trinken blos,
Nicht zu schwelgen sitten- und glaubenslos;
Ich trinke, um höher mich zu beleben,
Mich aus mir und über mich zu erheben.55.
Ich soll nicht Wein trinken in der Fastenzeit,
Weil diese drei Monde dem Herrn geweiht:
Nun wohl! Ich trinke dem Hernn zu Preise,
Mögt Ihr ihn verehren in Eurer Weise.56.
Der Monat Ramasan ist gekommen,
Der strengste Fastenmond für die Frommen:
Nun hat ihr Wein im Keller Ruh'
Vielleicht gar die lieben Weiblein dazu!57.
Da heut' die Rose Deines Glücks erschlossen,
Warum läßt Du den Becher ungenossen?
Trink, lieber Freund: die Zeit hat flücht'ge Sohlen,
Ein Tag wie heute ist schwer einzuhohlen.58.
Da der heutige Tag ein geweihter ist,
Wie in der Woche kein zweiter ist,
Führ' einen vollen Krug an die Lippen,
Statt den Wein aus kleinem Glase zu nippen.
Und ob dein Tagesmaaß sonst sei
Ein einziger Krug, trink heute zwei,
Denn dieses ist der Tag des Herrn
Und ihn zu ehren trinkt man gern.59.
Im Frühling mag ich gern im Grünen weilen
Und Einsamkeit mit einer Freundin theilen
Und einem Kruge Wein. Mag man mich schelten:
Ich lasse keinen andern Himmel gelten.60.
Beim Becher, gefüllt mit rosigem Weine, zu weilen, ist angenehm;
Beim Klange der Saiten nicht sehn, wie die Stunden enteilen, ist angenehm;
Selbst der Heilige, der uns verwünscht mit all' unsern Freuden,
Bleibt er fern von uns auf hundert von Meilen, ist angenehm.61.
In der Welt ohne Wein und Schönheit zu leben, ist unerfreulich;
Nie das Herz durch Klang und Gesang zu erheben,
Alles hab' ich hienieden geprüft und erfahren:
Keine Freuden in unser Dasein zu weben, ist unerfreulich.62.
Hab' Acht! Deine Seele wird Dir entschweben
Und der Schleier der Ewigkeit sich vor Dir heben.
Trink Wein, denn Du weißt nicht und kannst nicht verstehn,
Woher Du gekommen, wohin Du wirst gehn.63.
Laß den Büchertand,
Nimm das Glas zur Hand,
Laß Himmel und Hölle sein,
Halt' Dich an guten Wein.
Des dicken Turbans Schmuck
Schafft dem Kopfe nur Druck,
Befrei' Kopf und Gesicht
Und fürchte Dich nicht.64.
Wo sind die Tänzerinnen? Wo ist der Wein?
Glücklich das Herz, dem er früh schon ging ein!
Dreierlei macht meines Lebens Wonne:
Wein, schöne Mädchen und Morgensonne.65.
Wenn entwurzelt wird meines Daseins Baum
Und meine Gebeine zerstreut im Raum,
Wird man Krüge aus meinem Staube machen
Und dieser durch Wein neu zum Leben erwachen.66.
Diese Lebenskarawane ist ein seltsamer Zug,
Darum hasche die flüchtige Freude im Flug!
Mach' Dir um künftigen Gram keine Sorgen,
Fülle das Glas, bald naht wieder der Morgen!67.
O theure Genossen vom Trinkerorden,
Gelb wie Bernstein ist mein Antlitz geworden,
Bringt Wein, um es wieder zu beleben
Und den Wangen gesunde Röthe zu geben.
Und leg' ich mich einst zum Sterben nieder,
So wascht mit rothem Wein meine Glieder;
Das Holz des Weinstocks diene zur Thruhe,
So laßt mich tragen zur ewigen Ruhe.68.
Wir werden gestrichen aus dem Buch des Lebens,
Der Tod endigt Segen und Fluch des Lebens.
Sorg', daß nicht leer mein Becher wird,
Bedenk', daß zu Erde der Zecher wird.69.
Sei das Weinhaus immer belebt durch witzige Gäste,
Seien die blauen Kutten der Frömmler verbrannt bis auf die Reste.
Mögen alle heiligen Gewänder in Stücke zerfallen,
Und darüber stampfend die Füße der Trinker hinwallen.70.
Wahr' Deinem Becher die Treue,
Es folgt Dir sonst sicher die Reue!
Wenn die Knospen springen,
Nachtigallen singen,
Alle Herzen und Bäume Blüthen treiben:
Wär's da vernünftig, nüchtern zu bleiben?71.
So lang meine Seele noch hält mit dem Körper zusammen
Und Küsse vom Himmel auf Haupt und Füße mir flammen,
So lange werd' ich auch, selbst an heiligen Tagen,
Dem mir von Gott nicht verbotenen Wein nicht entsagen.72.
Ein beständiger Sinn bleibt auf Wein gestellt,
Der in sich das Wasser des Lebens enthält.
Trinket der Fromme im Ramasan keinen Wein,
So stell' er in der Zeit auch das Leben ein.73.
Nur die Trinker verstehen sich auf Wein und Rosen,
Nicht die Herzensschwachen und Geisteslosen.
Das Wissen der Nüchternen bleibt stets geringe,
Denn der Wein nur löst uns den Kern aller Dinge.74.
In der Schenke macht man seine Waschungen mit Wein,
Doch ein befleckter Ruf wird dort nicht wieder rein;
Wir erfuhren das selber längst ohne Ueberraschung;
Bringt Wein her, wir fahren fort in der Waschung.75.
Fittige leihet der Wein dem, der in Trauer befangen,
Schönheit leuchtet vom Wein aus des Genius blitzende Wangen;
Da wir nüchtern geblieben, so lange der Ramasan währte,
Trinken wir nun um so mehr, nachdem er endlich vergangen.76.
Lebe so munter Du kannst, da die Zeit raschen Lauf nimmt
Und was sie geboren aus sich, in sich wieder aufnimmt.
Scheuche den Kummer durch Wein, eh Dur wirst zu Staub werden,
Nach Dir kommen noch Viele, die ihm zum Raub werden.77.
Ein Berg selbst würde tanzen, hätt' er von diesem Wein getrunken,
Mir scheint ein Mensch, der ihn verschmäht, in Thorheit ganz versunken.
Drum sprich mir von Entsagung nicht in gläubiger Verschwommenheit:
Der Geist des Weines zeigt den Weg zu menschlicher Vollkommenheit.78.
Man sagt, bald scheint der Mond des Ramasan
Und mit ihm hebt das strenge Fasten an.
Nun wohl, dann trinken wir vorher soviel,
Daß es noch vorhält bis zum Fastenziel.79.
Wenn Ihr mich liebt, so hört auf mit den seichten Geschwätzen,
Nur der Wein kann mich in bessere Laune versetzen.
Wird mein Körper zu Staub, so macht einen Backstein daraus,
Irgend ein Loch zu stopfen in diesem Weinseligen Haus.80.
Trink Wein, um Deines Herzens Unruh zu bändigen
Und den Streit der zwei und siebzig Secten zu endigen.
Enthalte Dich nicht dieser Allchymie:
Mit einem Kruge tausend Gebrechen heilt sie.81.
Der Wein ist verboten, das ist richtig,
Doch zu unterscheiden dabei is wichtig:
Wer, wieviel und mit wem man trinkt?
Somit ist das Verbot für den Weisen nichtig.82.
Sobald das Morgenroth färbt den Himmelsrand;
Nimm einen schimmernden Becher zur Hand.
Man sagt, die Wahrheit geht bitter den Menschen ein;
Du findest sie schmackhaft in gutem Wein.83.
Jedes Glas Wein, das Du trinkst, wird löschend saugen
Am Feuer des Schmerzes in Deinen Augen.
Ist der Wein nicht ein Mittel, das Wunder thut
Und, selbst glühend, löscht Anderer Schmerzensglut.84.
Wenn das Veilchen frisch aus dem Boden sprießt
Und der Westwind die ersten Rosen erschließst,
Trinkt, wer klug ist, unter grünem Gezweige
Mit einer Schönen das Glas bis zur Neige.85.
Laß Dich nie des Weingenusses berauben,
Er giebt Licht dem Geiste, dem Herzen und Glauben.
Hätte der Teufel nur Einmal Wein getrunken,
Er wäre zweitausendmal vor Adam auf's Knie gesunken.86.
Hebe die Füße, derweil wir Dich mit Klatschen begleiten,
Trinken wir mit narcissenäugigen Schönen zur Seiten.
Zwanzig Gläser zu leeren, ist nur zum Glücke die Brücke,
Erst beim sechzigsten Glase gelangen wir wirklich zum Glücke.87.
Wie lange sollen wir täglich vor dem Verstande beben?
Was macht's, ob wir hundert Jahr oder Einen Tag nur leben?
Laßt uns fröhlich beim Wein unsern Schöpfer loben,
Eh' unsern Staub als guten Thon die Töpfer loben.88.
Schon athmet der Morgen, begrüßen wir froh ihn beim Weine
Und werfen des Leumunds zerbrechliches Glas auf die Steine.
Entsagen wir leicht allen schwer zu erreichenden Zielen,
Um in üppigen Locken beim Klange der Harfe zu spielen.89.
In dieser Welt, wo man immer neue Qual athmet,
Ist's am besten, daß man nie ohne Pokal athmet.
Wenn der Morgen feucht athmet, befeuchte Du auch den Odem,
Bedenk', daß Dein Mund einst zum letzten Mal athmet!90.
Immer hält mich der Zauber des rosigen Weines umfangen,
Immer trag' ich nach Klang der Flöten und Harfen Verlangen.
Macht einen Krug einst der Töpfer aus meinem Staube:
Mög' er voll immer sein vom edelsten Safte der Traube!91.
Nimm den Becher und nimm die Flasche zur Hand
Und erlaub' auf der Flur Dich am Bachesrand,
Denn viele der Schönsten menschlichen Wesen
Sind schon hundertmal Flaschen und Becher gewesen.92.
Wir kaufen alten und neuen Wein
Und geben die Welt in den Kauf darein.
Weißt Du, wohin Du einst gehst aus der Welt?
Bring' mir Wein, und dann geh wohin Dir's gefällt.93.
Bring mir den Wein der mir das Herz belebt,
Hold, wie ein Bild der Schönheit, mich erhebt;
Der einer Kette gleich mit losen Ringen,
Die Weisen wie die Thoren weiß zu zwingen.94.
Die Welt steht in Blüthe, bring Wein, o Schenke!
Vermeid' allen frömmelnden Schein, o Schenke!
Genießen wir noch, eh' der Tod uns bedroht,
Dieses Lebens flüchtiges Sein, o Schenke!95.
Steh' auf, der Tag bricht herein, o Schenke!
Laß einen guten Trunk uns gedeih'n, o Schenke! -
Eh' man Weinschalen aus unsern Hirnschalen macht,
Sei in der Weinschale stets guter Wein, o Schenke!96.
Mich empört es, daß das Heucheln so allgemein, o Schenke!
Steh' auf und bring' mir guten Wein, o Schenke!
Versetze Gebetteppich und Turban dafür,
Sie mögen meinen Gründen eine Grundlage sein, o Schenke!97.
Wie lange noch braucht man als Argumente
Unsre fünf Sinne und vier Elemente!
Eins zu begreifen, ist ganz so schwer,
Als ob es ein Hunderttausend wär.
Wir sind alle nur Staub, das bedenke
Und stimme die Harfe, o Schenke!
Ein Hauch ist unser ganzes Sein,
Das bedenke, o Schenke, und bring mir Wein!98.
Vom rosigen Wein laß mich nippen, o Schenke!
Der Gram führt meine Seele auf die Lippen, o Schenke!
Vielleicht wahrt mich der Wein, mich mir selbst entfremdend,
Eine Zeit vor des Lebens Klippen, o Schenke!99.
Flüssige Rubine füllen den Pokal,
Laß meinen Geist erglühen von ihrem Glutenstrahl!
Ich will die theuren Gluten an meine Lippen heben
Und meiner Seele sollen sie neues Leben geben.100.
Wärst Du wie Aristoteles ein Weiser,
An Macht wie Roma's oder China's Kaiser:
Trink Wein aus Dschem's Pokal; des Lebens Lauf
(Wärst Du selbst Behram!) hört im Grabe auf.101.
Man sagt mir: trinke keinen Wein,
Er schafft Dir nichts als Reu und Pein;
Du kommst am Tage der Belohnung
In's Höllenfeuer ohne Schonung.
So ist's. Allein den Augenblick,
Wo mir der Wein in Mißgeschick
Zum Heil wird, laß ich höher gelten
Als alle Güter beider Welten.102.
Wo ist der Gewinn unsres Kommens und Scheidens?
Was bleibt von der Bürde unsres Hoffens und Leidens?
Was bleibt selbst von den herrlichsten Menschen auf Erden,
Denen der Himmel geleuchtet, um Staub zu werden?103.
O Du, deren Mund eine Lebensquelle:
Daß er nie sich dem Munde des Bechers geselle!
Eher trink' ich sein Blut aus bis zum Grunde,
Eh' ich ihm Küsse erlaube aus deinem Munde!104.
Ich bin so geworden, wie mich schuf Deine Macht;
Ich habe hundert Jahr' in deiner Gnade verbracht,
Noch einmal hundert Jahre möcht' ich so sehn,
Ob größer Deine Gnade oder meine Vergehn.105.
Wo ist von Badachschan mein Rubinenmund? wo ist er?
Wo der Duftwein, der mir das Herz macht gesund? wo ist er?
Man sagt, der Islam verbietet den Wein,
Doch der Islam, geglaubt aus Herzensgrund, wo ist er?106.
Halte Dir alles fern, was nicht das Herz erfreut,
Nimm den Trank, den die Hand der Schönheit Dir beut.
Gieb für der Begeisterung seligen Rausch
Alles zwischen Himmel und Erde in Tausch!107.
Der Mond hat der Nacht schwarzes Kleid zerrissen;
Trink Wein! sei der günstigen Stunde beflissen,
Bedenke, der Mond wird noch lange leuchten,
Wenn wir uns nicht mehr die Lippen befeuchten!
1) Im Urtext: Wein ist eine Bitterkeit, die tausend süße Huldinnen aufwiegt.
2) Siehe im Koran die Suren "Maria" und "die Familie Amran's". -
3) Zwei Herrscher, welche ihrer Herrlichkeit entsagten, um ein beschauliches Leben zu führen.