1.
Siehe: zwei, drei Thoren
Führen die Welt bei den Ohren
Und dürfen sich Alles erlauben,
Weil sie an die Dummheit glabuen.
Und es glauben diese närr'schen
Gewalten, die uns beherrschen,
An die Weisheit Anderer nie,
Die nicht Esel sind wie sie.2.
Genieße, was Dir gefaällt,
Im bunten Treiben der Welt.
In Fröhlichkeit magst Du thronen
Und des guten Weines nicht schonen.
Gott kümmert sich nicht
Um die Frucht, die man bricht,
Nicht um Böses noch Gutes:
Drum sei frohen Muthes!3.
Ungefragt kam ich zur Welt, staunend, mich darin zu sehen;
Ungefragt muß ich hinaus, ohne sie noch zu verstehen,
Ohne nur den Grund zu ahnen meines Kommens oder Scheidens,
Und - solang ich athmend leide - dieses räthselvollen Leidens.4.
Steigen meine Sünden mir zum Hirne,
Perlt der heiße Schweiß mir von der Stirne
Von dem Feuer, das mein Herz entzündet.
Und doch nehm' ich an als wohlbegründet:
Zeigt ein Sclave Reue seinem Herrn,
So verzeiht der Herr dem Sclaven gern.
(Soll der Schöpfer aller Wesen minder
Gnädig sein für seine reu'gen Kinder?)5.
Dies alte Karawanserai, genannt die Welt,
Bald nächtig Dunkel, bald vom Tag erhellt,
Ist nur ein Rest von alten Herrlichkeiten,
Ein Grab von Königen, hochgerühmt vor Zeiten.6.
Wüst liegt der Palast,
Wo einst Behram gepraßt.
Jetzt scheucht von der Stelle
Der Leu die Gazelle.
Wo der König im Jagen
Wilde Esel erschlagen,
Versank er im Sumpfe
Beim Eselstriumphe.7.
Diese Töpfer, die mit Füßen und Händen
Die Thonmasse treten, kneten und wenden,
Ihren ganzen Witz und Verstand erschöpfen
Zur Vorbereitung von Krügen und Töpfen:
Sie selber scheinen nicht klar zu sehen,
Was sie da schlagen, stampfen und drehen,
Sonst wären sie selbst darüber betreten,
Daß sie Staub von Menschengebeinen kneten.8.
Da nur Erinnering Dir blieb an die Freuden der Welt,
Und als Freund nur der Becher noch Treu zu Dir hält:
Laß ihn nicht fahren, erfreue Dich seines Besitzes,
Füll' ihn mit edlem Getränk als Quelle befreienden Witzes.9.
Die Welt wird noch lange sich drehn,
Wenn wir verschwunden daraus,
Und keine Spur wird sein zu sehn,
Daß wir verschwunden daraus:
Der Welt fehlte nichts, eh' wir kamen zur Welt,
Und es wird kein Mangel entstehn
Wenn wir verschwunden daraus.10.
Die am weit'sten gewandert in der Welt umher,
Um Schätze zu gewinnen aus Land und Meer,
Ich zweifle, daß ihnen die Einsicht beschieden
In den wirklichen Werth der Dinge hienieden.11.
O wie das Kapital des Lebens
Uns durch die Hände gleitet!
O wie im Tod die Qual des Lebens
Zu blutigem Ende gleitet!
Und Keiner der Geschiedenen kehrt aus jener Welt, zu melden
Wie dort im Himmelssaal des Lebens
Die Schicksalswende gleitet.12.
Wie viele unsrer großen Herrn
Sind gleißende Schalen mit faulem Kern!
Sie haben vom Glücke nur den Schein,
Ihr Herz verzehrt sich in Qual und Pein.
Doch sind sie so verdreht im Geist,
Daß Mensch bei ihnen nur der heißt,
Wer ihre niedern Lüfte theilt,
Und an wahrem Glück vorüvereilt.13.
O Chajjam, obgleich das Himmelszelt
Geheimnißvoll umschließt die Welt,
So glaub' ich doch, es hat in der Zeit
Der Schenke des Weins der Ewigheit
Geschaffen tausend Deinesgleichen
Im Schöpfungskelch, dem wunderreichen,
Die munter im Weine steigen zum Lichte
Und als Bläschen sich zeigen unserm Gesichte.14.
Ueberlaß Dich der Freude Lauf,
Der Gram dringt sich selber auf,
Ist jedem Menschen erblich
Und in der Welt unsterblich.
Die Sterne kreisen noch oben,
Wenn längst unser Leib zerstoben,
Wenn man unsern Staub zu Backsteinen schichtet
Und Paläste für Andre daraus errichtet.15.
Getrosten Muths durch's Leben wandre,
Dir folgen werden viele Andre.
Die Seele wird nach dem Körper schrei'n,
Den sie verlassen in Todespein,
Und der Schädel aus deinem Haupt,
Seines feurigen Willens beraupt
Durch seinen eignen Schöpfer,
Wird zerstampft von den Füßen der Töpfer.16.
Glücklich wer ohne Prangen
Durch dieses Leben gegangen,
Ohne Kutten und Ehrenkleider,
Wie ohne Feinde und Neider,
Wer die Simurg sich erhoben
Zum Himmel und schaut von oben
Herab auf diese Trümmerwelt,
Wo's nur den Eulen wohlgefällt.17.
Ach, mein Wundes Herz hat keine Heilung gefunden!
Ohne Trost ist die Seele über die Lippen geschwunden!
In Unwissenheit ist mein Leben verflossen
Und das Räthsel der Liebe ihm nicht erschlossen.18.
Im Reich des Geistes muß man Urtheil zeigen,
Doch von den Dingen dieser Welt klug schweigen.
Damit Zunge, Auge und Ohr sich bewähren,
Thun wir, als ob wit ganz ohne sie wären.19.
Wer in dieser Welt nur ein halbes Brot hat
Und ein ruhiges Nest bis zu seinem Tod hat,
Wer keinem zugehorchen noch zu befehlen braucht,
Der sei froh, da er weder Sorge noch Noth hat.20.
Man soll in's Herz nicht die Saat der Traurigkeit senken,
Vielmehr den Blick auf die Freuden des Lebens lenken,
Wein trinken, der Neigung des Herzens leben;
Nur kurze Frist ist Allem, was athmet, gegeben.21.
Möge mir immer ein voller Becher zur Hand sein!
Immer mein Herz von schönen Augen in Brand sein!
Sagt man: Gott fordert Entsagung - so sag' ich: das kann er,
Aber ich kann sie nicht üben, ich müßte sonst ohne Verstand sein.22.
Ich bin der Abreise nah, meine Zeit ist erfüllt,
Und von hundert Geheimnissen hab' ich kaum Eines enthüllt.
Tausende tiefer Gedanken sind mit mir zum Sterben erkoren,
Weil dies verdummte Geschlecht alles höhere Verständniß verloren.23.
Weder heiß noch kalt ist's heute, ein prächtiges Wetter:
Frisch vom Regen gewaschen prangen Rosenkelche und Blätter,
Und die Nachtigall scheint zu den gelben Blumen zu singen:
Lasset auch Ihr von dem himmlischen Naß Euch belebend durchdringen.24.
Einst, wenn ich nicht mehr bin, was ich gewesen,
Und man gleichwie von einem Fabelwesen
Von mir wird sprechen, - sammelt mein Gebein,
Macht einen Krug daraus, füllt ihn mit Wein.25.
Trink Wein, der Dir das Herz erhellt,
Eh' Dein Name verschwindet aus dieser Welt.
Löse der junge Huldinnen Locken,
Eh' Deine Glieder die Grabwürmer locken.26.
Die gemeine Liebe ist verwerflich ganz,
Ein Glimmen in der Asche ohne Wärme und Glanz,
Doch wo die wahre Liebe glüht,
Ergreift sie das ganze Herz und Gemüth,
Läßt keine Ruhe bei Tag und Nacht,
Weiß nicht, ob Monde, ob Jahre verbracht,
Denkt an Essen und Trinken nicht,
Ihr ganzes Wesen ist Glut und Licht.27.
Morgen wird die letzte Scheidewand sinken,
Und in Ahnung des Glückes will ich darauf trinken.
Zeit und Geliebte sind mir gewogen
Und mein Herz weiß vorher, es wird nicht betrogen.28.
Zuweilen kommt mein stolzer Geist mit den Körper in Zerwürfniß,
Er schämt sich der Gemeinsamkeit mit niedrigem Bedürfniß.
Ich habe öfter schon gedacht zu sprengen diesen Kerker,
Allein der Selbsterhaltung Pflicht erwies sich immer stärker.29.
Siehe, der Trank unseres Lebens ist bald trübe, bald rein,
Und der Stoff unserer Kleider bald grob und bald fein.
Dieses Alles ist nicht für einen erleuchteten Geist,
Aber ist es auch nichts, wenn der Lebensfaden zerreißt?30.
Unwissende giebt's, die nie auf der Wahrheit Bahn
Geforscht, nie einen Schritt aus sich selber gethan,
Doch die sich wie große Herrn kleiden und bläh'n
Und verdienstvolle Männer verkleinern und schmäh'n.31.
Quäle nicht zu sehr Leib und Sinn
Um weißen Silbers und gelben Goldes Gewinn.
Speis' mit Freuden, eh' Dir der Odem vergangen;
Später werden Deine Feinde zum Speisen gelangen.32.
Nicht Einmal ward mir im Leben
Ein Tag reinen Glückes gegeben.
Drang mir bis zum Herzensgrunde
Eine Stimme aus süßem Munde,
Oder fühlt´ich mich sonst gesegnet,
Weil Holdes mir begegnet,
So ward sicher ein Lebensabgrund
Meinem Glücke sogleich zum Grabgrund.33.
Einen Vogel sah ich sitzen auf der Mauer von Thuß
Und hört' ihn sprechen zum Schädel des Key-Kawuß:
Ach, wo sind nun die Pauken und Zinken des Ruhms,
Wo der Lärm und Glanz Deines Herrscherthums?34.
Laß nicht Furcht vor dem Jenseits Dir bleichen die Wangen,
Auch vor den Dingen hienieden braucht Dein Herz nicht zu bangen:
Fürchte nicht, des Himmels Gunst zu verscherzen,
Erfreust Du Dich hier seiner Gaben von Herzen.35.
Komm, Freund, wir wollen nicht sorgen um morgen,
Wir halten als Beute das Gute von heute geborgen.
Verlassen wir morgen dann dies alte Gasthaus - die Welt, -
So werden wir Allen, die vor uns bewohnt dieses Rasthaus, gesellt.36.
Ja, wir sind der ganzen Schöpfung Zweckbegriff und höchstes Ziel,
Sind der Stern im Aug' des Geistes, drauf das Licht des Himmels fiel;
Einem Ringe zu vergleichen ist die Welt, und zweifelsohne
Bilden wir auf diesem Ringe das Gepräge mit der Krone.37.
Der Rausch der Selbstbethörung hat uns solchen Schwung gegeben,
Daß wir aus unsrer Niedrigkeit das Haupt zum Himmel erheben.
Da kommt das Ende der Herrlichkeit: der Geist wird uns genommen
Und der Leib kehrt in den Staub zurück, aus dem er kaum gekommen.38.
O Du, der bei Tag und Nacht
Nur auf solche Schätze der Welt bedacht,
Schreckt der Gedanke Dich nicht
An das jüngste Gericht?
Des letzen Athemzugs denke,
In Dich selbst Dich versenke,
Und merk', wie's den Andern
Geht bei ziellosem Wandern.39.
Mensch, der Du ein Auszug der ganzen athmenden Welt bist,
Was soll's, daß Du nur auf Gewinn und Verlußt gestellt bist?
Nähr' Deinen Geist mit Wein aus der Hand des ewigen Schenken,
Und hör' auf in Sorgen an Himmel und Erde zu denken.40.
In diesem Endlos kreisenden Erdenrund
Werden Dir zwei Arten von Menschen kund:
Die, welche Gutes und Böses zu scheiden wissen,
Und die, welche gar nichts von beiden wissen.41.
Laß leicht mein Herz tragen an der Welt schweren Sorgen,
Halt mein Böses vor den Augen der Menschen verborgen,
Laß mich heut einmal glücklich sein in der Welt,
Und thu' morgen mit mir, was Deiner Gnade gefällt.42.
Wer den menschlichen Dingen sieht scharf in's Herz,
Der weiß: innerlich gleich sind Gram, Freude und Schmerz.
Da weder Gutes noch Böses von Dauer ist,
Was macht's, ob das Leben Luft oder Trauer ist?43.
Sieh diesen Glasleib, der eine Seele trägt,
Dem Jasmin gleich, der aus in Blüthen schlägt;
Doch nein! ich irre, geblendet ganz
Von des Weines flüssigem Feuerglanz.44.
Wirf von Dir die Sorgen der flüchtigen Welt,
Leb', solange Du lebst, nur der Freude gesellt.
Wäre die Gunst des Himmels nicht Andern genommen,
So wäre sie nicht bis zu Dir gekommen.45.
Höre mich, der Du noch arm an Erfahrung!
Laß Dich nicht kümmern des Himmels Gebahrung;
Betrachte, mit dem, was Du hast, zufrieden,
Den Lauf des Schicksals der Menschen hienieden.46.
Meine Herzensräuberin und holde Betäuberin
Reichte mir gestern einen Becher mit Wein
Und bat mich zu trinken; ich sagte "nein."
Doch bei ihrer Liebe beschworen,
Gab ich mich bald verloren.47.
Soll der Weltlauf sich Deinem Willen fügen,
Stärke Dein Herz, lern Dich begnügen.
Schärf' Deinen Blick durch Wein, klar Dich selbst zu sehen,
Und dann laß die Welt, die sie will, sich drehen.48.
Mögen forschenden Blickes die Weisen wandern
Von einem Ende dieser Staubwelt zum andern,
Sie finden nichts Bess'res darin enthalten
Als guten Wein und schöne Gestalten.49.
Dank der Laune des Himmels, der wie ein Spiegel scheint,
Dank dem Zeitlauf, der's gut nur mit Schlechten meint,
Sind meine Wangen, hohl wie Schalen, voll Thränenflut,
Und mein Herz, wie eine Weinflasche, ist voll von Blut.50.
Vergiß die Tage, die Dir verloren sind,
Fürchte die nicht, die noch nicht geboren sind.
Genieße des Augenblicks Gunst und bedenke,
Daß, die das Leben in den Wind schlagen, Thoren sind.51.
Schämst Du Dich nicht, nach Bestechung zu trachten,
Ohne die Gebote und Verbote zu achten?
Kannst Du auch alle Schätze der Erde gewinnen:
Was thust Du damit, wenn Du mußt von hinnen?52.
Einen Mann sah ich ein dürres Stück Land bewohnen,
Der nichts wußte von Gesetzen und Religionen,
Nichts von Wahrheit und Gott, nichts von böse und gut, -
Wer im Himmel und auf Erden hätte gleichen Muth?53.
Viele Menschen grübeln über Glauben und Sitte,
Zwischen Zweifel und Gewißheit stehn viele in der Mitte.
Unversehens ruft Einer aus dem Hinterhalt her:
Ihr Thoren, der rechte Weg ist nicht dieser noch der!54.
Am Himmel ist ein Sternbild "der Stier" genannt,
Ein andrer Stier ist unter der Erde bekannt;
Du öffne die Augen, um klar zu sehn,
Wieviel Esel zwischen diesen beiden Ochsen stehn!
55.
Flieh' die Frauen, die allzu gefällig sind,
Such' nur solche, die edel gesellig sind.
Mit dem Leben der Menschen geht's auf und nieder,
Wer einmal gegangen ist, kommt nicht wieder.56.
Laß den Gram fern vom fröhlichen Herzen bleiben,
Das Glück schöner Stunden nicht mit Steinen zerreiben.
Da Niemand durchschauen kann der Zukunft Getriebe,
Erfreu'n wir uns heut noch des Weins und der Liebe.57.
Schön ist's, einen guten Namen zu tragen,
Doch nicht schön, über sein Schicksal zu klagen;
Es ist schöner, sich zu laben an gutem Wein
Als sich zu spreizen in falschem Heiligenschein.58.
Das Himmelsrad läuft noch, wenn Du und ich längst geschieden,
Es läßt weder Deine noch meine Seele in Frieden.
Komm, setz' Dich in's Grün; nur kuze Zeit wird vergehen,
Eh anderes Grün wird aus deinem und meinem Staube erstehen.59.
Wenn Dir Deine Seele genommen wird und mir meine,
Legt man auf Dein und mein Grab ein paar Steine.
Und später, auch andere Gräber mit Steinen zu decken,
Nimmt man unseren Staun und zermalmt gar unsre Gebeine.60.
Jenes Schloß, drin die mächtigen Herrscher gethront,
Das zum Himmel aufglänzte, ward dich nicht verschont.
Eine Turteltaube ruft auf den Zinnen jetzt:
Wo sind, die einst hausten darinnen, jetzt?61.
Halte Dir Alles fern was nicht des Herz erfreut,
Nimm den Trank, den die Hand der Schönheit Dir beut.
Gieb für der Begeisterung seligen Rausch
Alles zwischen Himmel und Erde in Tausch.62.
Flieh' den Bücherstaub und die Heuchlerpest
Und halte Dich an den Locken der Schönheit fest.
Eh die Zeit Dein eignes Blut vergießt,
Sorg', daß Dir das Blut der Rebe noch fließt.63.
Freund, bewahre den Gleichmuth im Wechsel des Lebens,
Gräm' Dich um die Launen der Zeit nicht vergebens!
Wenn die Hülle Deines Daseins in Staub zerfällt,
Was kümmert Dein Handeln und Reden die Welt?64.
Du, der nie Gutes gethan, stets nut Böses gethan,
Um dann hülfesuchend der Gottheit zu nahn:
Bau' nicht auf die Gnade, denn wer nichts gethan,
Was gut ist, der kann auch nichts Gutes empfahn.65.
Zähl' das Leben nicht länger als sechzig Jahre,
Und immer die Liebe zum Weinkrug bewahre.
Bis Dein Schädel einst selbst gemacht wird zum Krug,
Thust Du andern Krügen nie Ehre genug.66.
Wie eine umgestülpte Schale wölbt sich der Himmel uns zu Häupten;
Die klugen Menschen stehn darunter kraftlos und rathlos gleich Betäubten.
Doch sieh, wie zwischen Kelch und Flasche die Freundschaft groß ist und voll Glut.
Jetzt sind die beide Lipp' an Lippe und zwischen beiden fließt das Blut.67.
Mit meinem Schnurrbart hab' ich die Schwelle der Schenke gefegt,
Vergessend, was Böses und Gutes das Diesseits und Jenseits bewegt.
Säh' ich beide Welten wie Kugeln in einen Abgrund stürzend zertrümmern,
Es würden im Rausche mich beide nicht mehr als ein Gerstenkorn kümmern.68.
Wie lang soll mich der Zweifel bedräuen,
Ob ich habe oder nicht?
Ob ich des Lebens mich soll erfreuen
Als guter Gabe, oder nicht?
Füll' mir den Becher mit Wein, denn ich weiß nicht,
Ob dieser Athemzug jetzt führt zum Grabe, oder nicht.69.
Opfere nicht den Launen der Zeit Dein Glück,
Rufe nicht, was längst gewesen, zurück,
Oeffne Dein Herz nur süßlippigen Feen,
Trink Wein, laß Dein Leben nicht unnützt vergehn!70.
Wie lange soll ich noch hören von Moscheen und Beten und Fasten?
Such' lieber in der Schenke Dein beladenes Herz zu entlasten.
O Chajjam, trink Wein! Dein Staub wird verhandelt
Und in Becher, Krüge und Schalen verwandelt.71.
Bist Du klug, so halt Dich zum roten Weine,
Werden dann zu Staub einst Deine Gebeine,
So wird jedes Atom von Wein getränkt,
Vom Winde wieder zum Weinhaus gelenkt.72.
Gesetzt, Du hättest glücklich gelebt hienieden; was dann?
Und es wäre Dir ein seliges Ende beschieden: was dann?
Gesetzt, Du hättest hundert Jahre glücklich gelebt,
Und könntest noch hundert Jahr leben zufrieden: was dann?73.
Weh, daß mir mein Leben zum Unheil verflossen,
Weil ich verbotene Speisen und Getränke genossen!
Mein Antlitz ward schwarz, weil ich nicht that, was geboten,
Wie wird's erst, weil ich that, was nicht ge- noch verboten?74.
Gräme Dich nicht zu sehr über die unbeständige Welt,
Bleibe dem Wein und der zärtlichen Liebe gesellt;
Siehe, wer heut dem Schooße der Mutter entsprungen:
Morgen wird er vom Schooße der Mutter (Erde) verschlungen!75.
O Töpfer, bedenk', was Du thust, wenn Du klug bist,
Da Du so mit Entwürdigung des Menschen im Zug bist:
Du räderst die Glieder der Weltbezwinger,
Kai Chosrew's Hand und Feridun's Finger!76.
Des Frühlings und Winters Kommen und Gehen
Macht die Blätter von unserm Lebensbaum wehen,
Der Weltschmerz - sagen die Weisen räthlich -
Ist ein Gift, doch guter Wein macht's unschädlich.77.
Einen Krug zerschlug ich gestern an einem Steine,
Ich war berauscht von desselbigen Kruges Weine.
Der Krug schien zu sagen: Du, durch den ich verletzt bin,
Ich war einst wie Du, Du wirst sein, wie ich jetzt bin.78.
Such durch Selbstüberwindung den Schmerz zu lindern,
Durch Klagen wirst Du ihn nicht heilen noch mindern.
In Deiner Armuth danke dem Himmel auf Erden,
Sollen einst seine Schätze zu Theil Dir werden.79.
In der Schenke fragt' ich einen weinfrohen Greis:
Wo sind nun, die fehlen in unserm Kreis?
Er sprach: es sind Viele dahin genommen,
Wohin wir auch gehn, um nicht wieder zu kommen.80.
Folg' nur denen, die wandeln den Pfad zur Schenke,
An Wein, Gesang und Liebe nur denke.
Den Pokal zur Hand bring' den Mund zur Stummheit,
Dann Freund, bist Du sicher, er spricht keine Dummheit!81.
Willst Du dem Leben eine feste Grundlage geben,
Eine Zeit lang das Herz aller Sorgen entheben,
So hör' nicht auf, Dich guten Weins zu erfreuen,
Und der Reiz des Lebens wird sich immer erneuen.82.
In dieser Gauklerbude, der Welt,
Sei Dein Hoffen auf keinen Freund gestellt.
Hör' von mir diesen guten Rath
Und mach' ihn ganz geheim zur That:
Trage geduldig Dein Schmerzenteil,
Dun findest bei keinem Andern Heil,
Dein Glück kannst Du nur von innen
Von außen nicht gewinnen.83.
Zwei Dinge bilden der Weisheit Grund,
Die nicht offenbart des Propheten Mund:
Nicht von Allem zu essen, was uns verliehn
Und vor allem Geschwätz der Menschen zu fliehen.84.
Warum ist im Frühling der Rebensaft sauer?
Warum später süß und dann herb auf die Dauer?
Aus Holz schneidet man Instrumente zum Streichen
Und Instrumente zum Blasen desgleichen.85.
Eh auf der Wandrung durch diese Welt
Unser Staub in die Hände des Töpfers fällt
Zu neuen Krügen: laß an der alten
Begeisternden Inhalt uns treulich halten.86.
Bei Wein, Tanz und Rosen mit frohen Genossen,
O Herz, soll ich hier stehn aller Freude verschlossen?
Wein und Lautenklang hier in Garten und Wiese
Gilt mir mehr als die Huris im Paradiese.87.
Sieh, wie leuchtend der Wein und der Mond uns erschienen,
Sieh die Schönheit so rosig wie Glut von Robinen!
Sprich vom Staub nicht dem Herzen, das Feuer durchwühlt,
Bring nicht Luft an die Glut, sondern Wasser, das kühlt.88.
Besser gute Bekanntschaft als schlechte Verwandtschaft,
Besser Fremde, die erfreuen, als Nächste, die zu scheuen.
Nur was fördert, ist räthlich, alles Störende schädlich,
Wie Gift selbst oft gut ist, wenn verdorben das Blut ist.89.
Achten wir den Weltgram kein Gerstenkorn werth - sei'n wir glücklich!
Wird uns Frühstück nur und kein Mittag beschert - sei'n wir glücklich!
Kommt uns gar nichts Gekochtes aus der Küche zu,
Werde kein Mensch durch rohe Bitten beschwert - sei'n wir glücklich!90.
Schnell, wie der Wüstenwind entflieht mein Leben,
Allein solang mir Odem noch gegeben,
Mach' ich mir um zwei Tage keinen Gram:
Den Tag, der schon verging, und den, der noch nicht kam.91.
Wie viel schläfrige Menschen seh' ich auf Erden hier!
Wie viele Schläfer ruhen schon unter ihr!
Wie viel werden noch schläfrigen Angesichts
Wandern durch diese Wüste des Nichts!92.
Der Regen fällt munter
Auf den Rasen herunter:
Wie dem Rasen der Regen,
Sei der Wein uns zum Segen!
Wer wohl einst sich erfreut
An dem Grün, wie wir heut;
Das dem Boden entsprungen,
Der uns selber verschlungen!93.
Im Reich der Hoffnung magst Du schwärmend minnen,
Im Reich der Wirklichkeit sei Dir ein Freund genug,
Der Sichrer als der Gläubigen Pilgerzug
Nac Mekka, Dich den Himmel läßt gewinnen.94.
O Chajjam, Dein Körper gleicht einem Zelt,
Dem Geist, als König, zur Wohnung bestellt.
Zieht der König aus, so wird's abgetragen
Und am andern Orte neu aufgeschlagen.
1) Im Urtext heißt es: Ist nur ein Ueberbleibsel der Festgelage von hundert Dschemschids, nur ein Grab, welches hundert Behrams als Ruhekissen dient.
2) Behram-gur war ein gewaltiger Herrscher aus der Dynastie der Sassaniden, ein grausamer Christenverfolger und leidenschaftlicher Jäger auf wilde Esel, weshalb er auch den Beinamen gur (Wildesel) erhielt. Auf einer solchen Jagd fand er denn auch mitten unter wilden Eseln einen seiner würdigen Tod, worauf Omar Chajjam in obigen Rubay anspielt, dessen Kürze und Würze im Deutschen nicht völlig wiedergegeben werden konnte, da im Persischen gur, das Grab, und gur, der wilde Esel ganz gleich geschrieben wird und König Behram ebenfalls den Ehrennamen gur führt, woraus sich denn ein dreifaches Wortspiel ergiebt.