SIEBENTES BUCH.
Der Dichter und seine Gegner.  
 
"Ein Schnippchen schlägst Du doch im Sack,
Der Du so ruhig scheinest,
So sag doch frank und frei dem Pack,
Wie Du's mit ihnen meinest."
Goethe
1.
Ich trinke Wein und die Gegner klagen
    Von links und rechts mich an und sagen,
Es sei der Wein des Korans Feind;
    Da ich das auch bin, wie mir scheint,
Will ich erst recht am Wein mich laben,
    Da wir im Koran gelesen haben1)
Der Feinde Blut zu trinken, sei
    Erlaubt - und ich bin gern dabei.

2.
Ja, ich trinke gern Wein, und wer klaren Gesichts ist
Wie ich, der weiß, daß vor Gott dies Nichts ist.
Von ewig her kennt Gott meine Liebe zum Wein,
Soll ich ihn nun nüchtern des Irrthums zeihn?

3.
Es ist die Jugend, der Wein und Liebe gehört,
Doch da das Wasser schon vor uns die Welt zerstört,
So setzen wir die Zerstörungsgeschäfte
Beim Weine fort, soweit reichen die Kräfte!

4.
Ich weiß nicht, ob, wer Lebensodem in mich blies,
Kam von der Hölle her oder vom Paradies;
Derweil ich hier bei Wein und Spiel von schöner Hand,
Was Ihr im Paradiese sucht, schon lange fand.

5.
Da das Leben so kurz ist, genießen wir's gründlich beim Weine,
Erfreuen uns herzlich und laben uns mündlich beim Weine.
Man sagt: "Gott verbietet den Wein", - ich aber glaub's nicht,
Und wär's eine Sünde, ich bliebe auch sündlich beim Weine.

6.
Sink' ich häuptlings dem Engel des Todes zu Füßen,
Wie ein gerupster Vogel mein Leben zu büßen,
So macht eine Weinflasche aus meinem Staube;
Vielleicht belebt mich dann wieder der Geist der Traube.

7.
Ich bin nicht werth, in den Himmel noch in die Hölle zu kommen;
Gott weiß, welchen Thon er, mich zu kneten, genommen.
Ich bin ein Freigeist und häßlich; zwar leidlich vernünftig,
Doch glaub' ich nichts hier und hoffe nichts künftig. 2)

8.
Deine Leidenschaft, Mensch, gleicht dem Hunde im Haus,
Wie sein heisres Gebell roh drückt sie sich aus;
Sie ist schlau wie ein Fuchs, in Allem unmäßig,
Wie ein Tiger wüthig, wie ein Wolf gefräßig.

9.
Scheint mein Gesicht Euch wie ein Buch,
    Gezeichnet von der Sünde Fluch,
So hoff' ich doch auf einen Vermittler
    Noch mehr als meine gläubigen Krittler,
Und bricht mein Lebensglas in Scherben,
    Will ich beim Glase Weines sterben
Aus Dessen Hand, der mir das Leben
    Und Liebe, Licht und Wein gegeben.

10.
Kein Rauch entsteigt dem Feuer meiner Sünden,
Niemand kann mir ein bessres Schicksal gründen.
Empören kann mich, was die Lüge spricht,
Mir helfen und mich ändern kann es nicht.

11.
Mein Leben lang besang ich den Wein
    Und allen Zubehör obendrein.
O Frömmler, mögest Du glücklich werden
    Im Glauben, der Weisheit zu folgen auf Erden!
Doch wünsch' ich, daß Du von mir lernst,
    Indem Du Dich von mir entfernst,
Daß diese Weisheit, die Dich führt,
    Mich selbst zum Lehrer hat  erkürt.

12.
Verlästert mich der Menschen Mund,
    Geb' ich dazu doch keinen Grund.
O Heilige, seht Euch selbst in's Herz,
    Statt fromm zu ängeln himmelwärts.
Ihr lästert mich und klagt mich an,
    Ich lebe nicht als Muselmann,
Und doch hab' ich keine Sünden begangen,
    Die Nicht an Wein und Liebe hangen.

13.
Wie könnte meine Hand, gewohnt den Becher zu nützen,
Zum Koran greifen und gar sich auf die Kanzel stützen!
Du bist ein trockner Heiliger, mich nähren feuchte Flammen,
Wir beide passen so wenig wie Wasser und Feuer zusammen.

14.
Noch Keiner ist wiedergekommen
    Von Allen, die uns genommen,
Uns zu sagen, wie ihm geschehn ist
    Und was hinter dem Vorhang zu sehn ist.
O Frömmler, die Demuth allein,
    Führt Dich in's Himmelreich ein,
Auf Gebete ist nicht zu zählen,
    Wo Demuth und Wahrheit fehlen.

15.
Wie lange red' ich Euch noch von meiner Unwissenheit?
Und meines Herzens qualvoller Zerrissenheit?
Dieser Weg wird mich gar bis zur Kanzel führen
In muselmänn'scher Glaubensbeflissenheit.

16.
O Chajjam, bist Du von Wein trunken, freue Dich!
Entzünden Dein Herz schöner Augen Funken, freue Dich!
Da das Ende der irdischen Dinge das Nichts ist,
Umsomehr, bis Du selber in's Nichts versunken, freue Dich!

17.
Zähl' einfach meine Tugenden und zehnfach meine Sünden,
Doch Gott zu Liebe mußt Du mir für diese Gnade verkünden.
Statt durch den Hauch der Leidenschaft des Hasses Glut zu schüren:
Zu Ehren des Prophetengrabs laß zum Verzeihn Dich rühren.

18.
Fliehn uns die Rosen, sind die Dornen um so treuer,
Fehlt das Glaubenslicht, winkt uns das Höllenfeuer.
Werden wir hier keiner Scheiche und Bethäuser froh,
Giebt's Glocken und Kirchen doch anderswo.

19.
O Mufti, Richter der Stadtbezirkung!
    Meine Wirkung ist besser als Deine Wirkung;
Treibst Du Dein Geschäft auch zünftiger,
    Treib' ich meins doch, im Rausch selbst, vernünftiger.
Du trinkst das Blut Aller, die an Dich glauben,
    Und ich trinke nur das Blut der Trauben.
Richte gerecht, um zu unterscheiden,
    Wer der Blutgierigste ist von uns beiden.

20.
Wie lange, unwissender Frömmler, willst Du noch fluchen
Auf uns, die das flüchtige Glück im Weinkruge suchen!
Beim Rosenkranz heuchelst Du Demuth und sinnst nur auf Ränke,
Während wir nur auf Liebe bedacht sind und gute Getränke.

21.
Mehr als Persiens und China's Thron
    Gilt mir eine Flöte mit gutem Ton,
Mehr als Turban und Seidengewand
    Glit mir ein gutes Glas Wein in der Hand.
Fort mit dem Heiligenglanz,
    Fort mit dem Rosenkranz,
Der eine ganze Heuchlerwelt
    An seiner Schnur zusammenhält.

22.
An dem Tage, wo kein Wein mir zu Kopfe steigt,
Beut die Welt mir Gift, das auf Gegengift zeigt.
Ja, Gift ist der weltschmerz, und es wird nur unschädlich
Durch Wein, der immer als Gegengift räthlich.

23.
Wie lange soll und das Leben von jedem Wichte vergällt werden?
Wie lange sollen wir vom Feuer der Welt verbrannt, statt erhellt werden?
Du erhebe dich über den Weltschmerz, wenn Du ein Mann bist,
Fetsttag ist heute, beim Wein laß Dir zum Festort die Welt wreden!

24.
Da diese Welt uns nicht gönnt hier beständig zu leben,
Wär's ohne Wein und Geliebte unverständig zu leben.
O Mann des Friedens, wozu streiten, wie alt die Welt sei:
Verlassen wir sie, ist's uns doch einerlei.

25.
Obgleich ich die Moschee voll Andacht betreten,
Bin ich doch nicht gekommen, darin zu beten.
Ich wollte nur selber sehn und hören,
Wie die frömmelnden Heuchler das Volk bethören.

26.
Wenn ich trunken von altem Weine bin,
    Nun so bin ich's!
Wenn ich ein Mitglied der Ketzergemeinde bin,
    Nun so bin ich's!
Jeder hat von mir eine eigene Meinung,
Wenn ich voreingenommen für meine bin, -
    Nun so bin ich's!

27.
Seit ich athme, bin ich keinen Augenblick nüchtern gewesen;
Heut ist eine heil'ge Nacht, so recht zum Trinken erlesen;
Zärtlich halt' ich am Busen die Flasche geborgen,
Lippe an Lippe weil' ich beim Glas bis zum Morgen.

28.
Ja, ich bin ein Freund vom Weine, aber nicht, um auszuschweifen,
Oftmals strech' ich mein Hand aus, doch nur, um zum Glas zu greifen.
Ja, ich bin ein Weinanbeter, Dir zum Trotz und andern Spöttern,
Um, hierin von Euch verschieden, mich nicht selber zu vergöttern.

29.
Wir haben uns den Weinkrug zum Betpult erlesen,
Den der Wein erst schafft menschenwürdigesWesen,
Und im Weinhaus nur ist Ersatz zu sehn
Für die Zeit, verloren in den Moscheen.

30.
Hab' ich an den Tagen des Ramasan Speise genossen,
Glaub' nicht, daß ich sie unbedachtsamer Weise genossen:
Die Fastenqual hatte den Tag mir in Nacht verwandelt,
Und so hab' ich am Tage wie sonst in der Nacht gehandelt.

31.
Wir haben immer den Kopf von Wein belebt,
Der den Geist unsres frohen Kreises erhebt;
Frommer Eifrer, schlag Deinen Tadel nieder,
Denn wir lieben denWein und er leibt uns wieder.

32.
Vor allem Lärmen im Weinhaus nehmt Euch in Acht,
Geht hinein, aber ja kein Geräusch gemacht!
Verkauft den Turban und auch den Koran für Wein;
An der Moschee geht vorbei, aber geht nicht hinein!

33.
Jeden Morgen lenk' ich zum Weinhaus den Schritt,
Und heuchelnde Derwische laufen gern mit.
O Du, deß Blicke mein Herz durchdringen,
Gieb mir Glauben, um mich zum Beten zu bringen!

34.
Man sagt mir: trink weniger Wein!
    Warum läßt Du's nicht ganz lieber sein?
Ich sprach: mein Grund liegt theils
    Im sonnigen Quell des Heils,
Theils in der Liebsten Gesicht.
    Nun verleugne die Wahrheit nicht
Auf die Frage aus meinem Mund:
    Giebt's einen klareren Grund?

35.
Das Herz zu erheben durch Wein und Liebe,
Ist besser als heuchlerisch Andachtsgetriebe.
Wenn Verliebte und Trinker zur Hölle sollen,
So wird in den Himmel bald Niemand mehr wollen.

36.
Auf Alles kann ich verzichten, nur auf den Wein nicht;
Denn Alles kann ich ersetzen, nur ihn allein nicht.
Soll ich Muselmann heißen, um allen Wein zu verschwören?
Nein, ich ertrüg' ohne ihn dies muselmännische Sein nicht.

37.
Unsre Herzen sind alle von Wein und von Liebe in Flammen,
So sitzen wir schwärmend im Kreise der Schwärmer beisammen,
Vergessend, was gut und was schlecht, was Wahn und was Wahrheit,
Verlange kein Urtheil von uns, der Wein nahm den Köpfen die Klarheit.

38.
Wir haben alle Gelübde der Entsagung gebrochen,
Wollen weder auf guten noch auf schlechten Ruf pochen;
Drum schmäht nicht zu sehr unser seltsam Getriebe:
Da wir alle berauscht sind vom Wein hoher Liebe.

39.
Guter Wein gilt mir mehr als ein neues Reich,
Nichts kommt in der Welt seinem Werthe gleich.
Ein Krug steht an Werth über Feridun's Throne,
Und der Deckel des Krugs über Kai Choßrew's Krone.

40.
Nie wirst du den Schleier der Geheimnisse heben,
Nie das Ziel erreichen, das die Weisen erstreben,
Darum beim Wein such' den Himmel hienieden,
Wer weiß, ob im Jenseits Dir einer beschieden!

41.
Alle, die uns schon verlassen haben, o Freund!
Sind im Staube ihres Stolzes begraben, o Freund!
Trinke Wein und vernimm meine Worte der Wahrheit:
Wind war Alles, was sie geredet haben, o Freund!

42.
Von Weitem kam zu uns ein schmutziger Gauch
In einem Hemde, geschwärzt wie von Höllenrauch;
Der geschlechtslose Wicht mit gewichtiger Geberde
Zerschlug unsern Krug, und den Wein trank die Erde.

43.
Ja, ich liebe den Wein, und nicht erst seit gestern,
Doch was braucht mich deswegen die Welt zu verlästern?
Ließe Gott alles Verbotene in Trunkenheit endigen:
Wo blieb' in der Welt der Verstand der Verständigen?

44.
Mit Euren vier Elementen und sieben Himmeln geht mir!
Als verlegener Auszug dieser Doppelwelt steht Ihr!
Trink Wein, Freund, ich hab's Dir schon oft gesagt:
Wer geht, kommt nicht wieder; sei's Gott auch geklagt!

45.
Wären die Dinge dieser Welt
    Nur auf Nachahmung gestellt,
So könnte jeder Tag auf Erden
    Klugen Menschen zum Festtag werden.
Verwirrte nicht dies alberne Droh'n
    Mit Höllenstrafen die Köpfe schon,
So könnte Jeder ohne Bangen
    Zum Ziele seiner Wünsche gelangen.

46.
Halt Einkehr in Dich selbst, wenn Du vernünftig bist,
Bedenk', was Du einst warst und was Du künftig bist.
Du sagt, Du trinkst keinen Wein aus Todesbangen:
Glaubst Du, durch Nüchternheit werde der Tod umgangen?

47.
Aus Deinen Worten, o Eifrer, spricht nur Dein Hassen!
Du nennst mich ungläubig und gottverlassen.
Ich weiß, daß ich fern bin, Dir nachzueifern,
Doch wer giebt Dir das Recht, mich darum zu begeifern?

48.
Komm, Frömmler, einem frommen Wunsch entgegen:
Führ' schweigend uns zum Heil auf Gottes Wegen!
Wir wandeln grade, aber Du stehst schief -
Heil' Deine Augen, Dir und uns zum Segen!



1) Vgl. im Koran Sure 1, "Die Kuh."
2) Diese Verse sind als ein Ironisirender Widerhall der Anklagen und Verleumdungen zu nehmen, welche die heuchlerischen Gegner des Dichters über ihn verbreiteten.