1.
Durchforscht hab' ich die unbeständige Welt,
Die wir so kurz bewohnen, ohne Ruh,
Doch fand ich keinen Stern am Himmelszelt,
Auf Erden keine Blume schön wie Du!2.
Dies ist die Zeit, wo die Welt sich schmückt mit Grün,
Wo, wie Mosis Hand, alle Zweige von Knospen glühn,
Wo die Pflanzen sprossen wie von Jesu Odem belebt
Und die Wolke weinend sich selbst begräbt!3.
Schlank wie die Cypresse seh ich Dich prangen,
Von gutem Geruch, zart wie Tulpen die Wangen,
Doch bleibt mir's ein Räthsel, warum in die Wildniß
Des Lebens der Schöpfer gezaubert dein Bildniß.4.
Ach, des Lebens Mai naht dem Ziele,
Vorbei sind die Freuden und Spiele!
Dieser Vogel der Fröhlichkeit,
Genannt die Jugendzeit,
Schwang fort sein Gefieder
Und kommt nicht wieder!
Ich weiß nicht, wann er gekommen
Und wohin den Weg er genommen.5.
Eh' Du ein Opfer wirst der Pein des Lebens,
O Holde, trink den rosigen Wein des Lebens.
Der Thor nur glaubt, daß man wie Gold ihn nieder
In's Grab senkt und als Gold herauszieht wieder.6.
Du holdes Geschöpf voll süßer Schelmereien,
Sitz' nieder, mein gefangenes Herz zu befreien.
Dein Reiz zwingt mich sonst, das Auge zu schließen,
Wie den Becher zu senken, ohne Wein zu vergießen.7.
Meine Liebe hat ihre Höhe erreicht
Für eine Schönheit, der keine gleicht,
Mein Herz spricht glühend in Einem fort,
Doch der Zunge fehlt das Erlösungswort.
Nie hat man Wundersam'res gesehn:
Ich muß in brennendem Durst vergehn,
Und vor mir springt die Quelle
Des Lebens frisch und helle!8.
Meine Liebe (sie lebe so lange wie mein Gram!)
War mir heut wieder freundlich ganz wundersam;
Ihr Aug schoß in meines, als wollte sie sagen,
Thun wir Gutes, ohne nach Lohn zu fragen!9.
Wie viel Nächte vergingen mir ohne Schlaf,
Weil der Schmerz unerträglicher Trennung mich traf!
O, erhebe Dich, ehe der Tag sich erhebt,
Der noch oft sich erhebt, wenn Du ausgelebt.10.
Der Lenz hat mir durch seine Rosen geboten
Etwas zu verüben, was im Koran verboten:
Ich soll Menschenrosen mit duftigen Locken
Durch Wein zu den Rosen im Garten locken.11.
So oft wir uns freuen im frischen Grün
Und sonnig uns Augen und Wangen glühn,
Denk' ich, hüpfen die Schönen durch's Grün so munter:
Jetzt springt Ihr darauf, und einst liegt Ihr darunter!12.
Nun, da die Nachtigall singt im Gartenland,
Nimm, sie zu grüßen, den Becher zur Hand.
Erschließ, wie die Rosen, der Freunde Dein Herz
Und räche Dich für allen Erdenschmerz!.13.
Gerstern saß ich mit der Liebsten am Bachesrand,
Vor mir eine Schale mit rosigem Weine stand,
Eine Muschel, so strahlend von Perlenpracht,
Als sei schon das Frühroth am Himmel erwacht.14.
Mein thörichtes Herz, voll unsäglicher Pein,
Kann sich doch nicht vom Rausch seiner Liebe befrein,
Wel am Tag, wo der Wein dieser Liebe geschenkt ward,
Mein Theil vom eigenen Herzblut getränkt ward.15.
Sieh, wie der Lenzhauch die Rosen erneut,
Sieh, wie ihre Schönheit die Nachtigall freit!
Freu' Dich auch, sitz' unter den Rosen nieder:
So oft sie erblüthen, verblüthen sie wieder.16.
O Du, deren Mund eine Lebensquelle:
Daß er nie sich dem Munde des Bechers geselle!
Eher trink' ich sein Blut aus bis zum Grunde,
Eh' ich ihm Küsse erlaube aus Deinem Munde!17.
Hier sind wir nun Alle in Liebe gesellt,
Befreit von den Plagen und Wirren der Welt;
Wir haben den Kelch der Liebe getrunken
Und sind ganz in Frieden und Wonne versunken.18.
Du erfreu' Dich im Garten bei Wein und Liebe,
Und halt' Dich fern von allem scheinheiligen Getriebe.
Folgst Du Muhammed's Wort, so trink' vom Getränke
Das Ali Dir beut als himmlischer Schenke.19.
Jetzt ringsum wähn' ich die grünen Auen
Und die Quellen des Paradieses zu schauen,
Als wär' ein Stück Himmel der Hölle entstiegen.
Laß eine himmlische Schöne darin Dich umschmiegen!20.
Da jetzt noch die Macht in Deiner Hand ist,
Gieb Trost dem Herzen, das für Dich in Brand ist:
Deiner Schönheit Reich wird nicht immer bestehn,
Wird wie andre zerfallen, eh Du Dir's versehn.21.
Eh der Kelch Dich berauscht, den der Tod Dir beut,
Eh Dich die Verwüstung der Jahre bedräut,
Sei bedacht, daß Du hier schon Dein Theil gewinnst,
Damit Du dort nicht mit leeren Händen beginnst.22.
Ich kann Dic nicht erlangen
Und muß doch an Dir hangen,
Muß das Schwerste um Dich tragen
Und darf es Keinem klagen.
O welch seltsamen Leiden,
Dich nah, wie der Hauch, zu meiden,
Und mich doch selig fühlen,
Während Qualen mich durchwühlen!23.
Sei willkommen, Du meiner Seele Ruh!
Ich seh' Dich und frage: bist's wirklich Du?
O um Gottes, nicht meinentwillen, trink Wein,
Daß ich sehe, Du bist es, mich trügt kein Schein.24.
So schön, wie den schönsten Lippen entsprungen
Hält der blumige Rasen den Bach umschlungen.
Betritt nicht verächtlich dies zarte Grün,
Drin vergangenen Schönheiten neu erblühn.25.
O Freund, da Dich der Gedanke durchschauert,
Daß die Seele im Körper nicht lange dauert,
Erfreu' Dich des Lebens im frischen Grün,
Eh' Blumen aus Deinem Staube erblühn.26.
Auf Erden hielt Niemand fest eine rosige Schöne umschlungen,
Ohne daß von ihr ein Dorn in's Herz ihm gedrungen.
Sieh, dieser Kamm selbst konnte der Schönheit duftige Strähne
Dann erst küssen, als man ihm gehörig geschnitten die Zähne.27.
Wie traurig, zu sehn, daß die edelsten Spenden
Der Erde sind meist in unwürdigen Händen!
Selbst die Schönheiten, die uns zum Höchsten begeistern:
Macht, Wahn und Rohheit dürfen sie meistern.28.
Dieser Prachtrubin kommt aus besonderem Schacht,
Diese Perle ist von ganz besonderer Pracht;
Aller Daseinswunder Räthsel erklärt
Sich nur aus der Liebe besonderer Macht.29.
Wer hat Dich trunken zu uns geführt diese Nacht?
Dich entschleiernd Dein Antlitz berührt diese Nacht?
Wer ist es, der schnell wie der Wind Dich entführend,
Das Feuer in mir noch mehr schürt diese Nacht?30.
Von Wolkenschleiern sind noch die Rosen verhüllt,
Mein Verlangen nach Wein ist noch nicht ganz erfüllt.
Geh nocht nicht schlafen, o Herz, sei noch munter;
Sieh, die Sonne am Himmel geht auch noch nicht unter.
Mosis Hand - Anspielung auf die Stellen im Koran (Sure 7, "Die Zwischenmauer" und Sure 20, "Th.") wo erzählt wird, wie der Stab Mosis in eine Schlange verwandelt wurde und seine Hand glänzte von Weiße.