1.
Urewig vorgezeichnet ist der Dinge Kern;
Der Griffel bleibt dem Guten wie dem Bösen fern;
Was Gott als Schicksal vorbestimmt, muß sich vollenden,
Mag, wie er will, der eitle Mensch sich drehn und wenden.2.
Nicht jedem kann ich meine tiefsten Gedanken
Enthüllen: sie bewegen sich in Schranken,
Wo eingeweihte Geister nur sich finden;
Ich kann kein Licht anzünden für die Blinden.3.
Da die Dinge nicht werden nach unsern Entwürfen,
Und wir selbst nicht recht wissen, was wir bedürfen,
So klagen wir stets bei verlorener Müh:
Wir kamen zu spät und wir scheiden zu früh.4.
Wenn das launische Schicksal Dich nicht liebt,
Was kümmert's Dich denn, wieviel Himmel es giebt?
Ich mache mir um die Zeit keinen Gram,
Die schon verging und noch nicht kam.5.
Um Höllenfurcht und Himmelshoffnung drehn
Sich Kirchen, Synagogen und Moscheen;
Doch wer gedrungen bis zum Quell des Lichts,
Macht sich aus Himmel und aus Hölle nichts.6.
Da der Tod uns gewiß ist, warum sind wir geboren?
Warum uns mühen um Glück, das für uns nicht erkoren?
Da wir doch hier nicht bleiben, warum nicht vernünftig
Erwägen, wohin uns die Reise führt künftig?7.
Giebst Du mit leichtem Sinn
Dich Deinen Gelüsten hin,
So wirst Du Dich schänden
Und als Bettler enden.
Drum erforsche vielmehr,
Wer Du bist und woher,
Voll Bewußtsein im Handeln
Auf den Weg, der zu wandeln.8.
Glaub' nicht, daß Alles vom Himmel bestimmt,
Was Gutes und Böses im Menschen glimmt,
Was das Herz betrübt und das Herz erhellt,
Je nachdem es dem launischen Schicksal gefällt.
Das Himmelsrad kreist ohne Ruh
Und ist weit schlimmer daran als Du
Im Wirrsal und getriebe
Auf der Bahn der ewigen Liebe.9.
Kein Schild hält einem Pfeil des Schicksals stand;
Gold, Gut und Rang ist alles eitler Tand;
Im Weltlauf merk' ich prüfenden Gesichts:
Gut ist, was gut ist, und sons gilt mir nichts.10.
Als mich Gott geknetet aus Thon, auf Erden zu wandeln,
Kannt' er genau vorher mein Streben und Handeln.
Da ich so sündhaft nur, wie Gott es wollte, gerathen,
Warum am jüngsten Tag noch in der Hölle mich braten!11.
Seit das Himmelsroß läuft auf goldenen Pfaden,
Seit Jupiter leuchtet zusammt den Plejaden,
War unser Schicksal beschlossen im Himmelsrath, -
Ist's unsre Schuld, wenn wir es machen zur That?12.
Dieser hochragende Himmelskreis,
Der nur zu plagen und placken weiß,
Ist noch nie einem menschlichen Wesen
Ein Schwierigkeitslöser gewesen,
Hat kein Unglück verhindert,
Keine Leiden gemindert,
Doch wo er blutende Herzen gefunden,
Ihnen geschlagen noch neue Wunden.13.
Der Himmel scheint nichts zu thun als uns zu quälen und grämen,
Er beut seine schönsten Gaben blos um sie wieder zu nehmen.
Die noch nicht Geborenen kennen des Lebens Qual und Gefahr nicht,
Wenn sie dies Dasein kennten, sie kämen in's Dasein gar nicht.14.
Handle Freund, als gehörten Dir alle Schätze der Welt,
Bilde Dir ein, dieses Haus sei so schön für Dich nur bestellt;
Lebe vergnügt darin, aber betrachte dieses Haus
Nur als Absteigequartier: bald mußt Du wieder hinaus.15.
Im Zeitlauf, der meist nur Unwürdigen hold,
Ist mein Leben voll Kummer dahin gerollt.
Wie eine Rosenknospe zusammengepreßt
Ist mein Herz, - wie eine Tulpe mit Blut genäßt.16.
Da nichts dir gehört als was Gott Dir gegeben,
Quäle Dich nicht, um nach Andrem zu streben.
Laß dein Herz nicht von zu schwerer Last leiden,
Du mußt doch von Allem, was Du hast, scheiden.17.
O Herz, da die Welt nichts als Schatten und Schein,
Warum quälst Du Dich ab in unendlicher Pein?
Mit ruhigem Sinn geh' dem Schicksal entgegen,
Und glaub nicht, es ändre sich Deinentwegen!18.
Aus der Welt der Geheimnisse wollt' ich entschweben,
In eine höhere Welt hofft' ich mich zu erheben,
Wie ein Sperber war ich emporgeflogen,
Doch ward ich zur Erde zurückgezogen,
Und da ich hier Niemand gesehen
Im Stande mich zu verstehen,
So bleibt mir von diesem Leidenshorte
Kein Ausgang als die Eingangspforte.19.
Wir sind hier nichts als ein Spielzeug des Himmels und der Natur;
Dies ist als Wharheit gemeint, nicht metaphorisch nur.
Wir gehen, wie die Steine im Brettspiel, durch vieler Spieler Hände,
Und werden bei Seite geworfen in's Nichts, wenn das Spiel zu Ende.20.
Du fragst, was dieses Gaukelspiel besage?
Nimm diese kurze Antwort auf die Frage:
Als Bilderspiel dem ewigen Meer entsprungen,
Wird's wieder von demselben Meer verschlungen.21.
O Himmel, Du denkst weder an Salz nocht Brot,
Nackt wie ein Fisch bin ich durch Dich in der Noth.
Der Weber sorgt doch, daß wir Kleider tragen,
Soll ein Weber an Fürsorge Dich überragen?22.
O Himmelsrad, Dein Kreisen will mir nicht behagen;
Befreie mich, ich bin unwerth Dein Joch zu tragen.
Beglückst Du mit Deiner Gunst am liebsten die albernsten Thoren,
So bin ich leider dazu mit zu wenig Talent geboren.23.
Mit des Schicksals Walten fühl' ich mich nicht in Einheit,
Mich empört meiner eignen Natur Gemeinheit;
Mir fehlt die Kunst, mir die Welt aus dem Kopfe zu schlagen,
Und die Klugheit, ihr Treiben mit Gleichmuth zu tragen.24.
Laßt uns die wechselnden Plagen
Des Schicksals geduldig ertragen,
Und sorgen nur für das Eine:
Uns zu trösten bei rosigem Weine;
Da der Wein das Blut der Welt ist,
Das uns zu thöten bestellt ist.
Schont sie nicht unsres Blutes,
Trinken wir ihres auch frohen Muthes.25.
Könnt' ich walten wie Gott im Himmelszelt,
Ich hätt' es schon längst auf den Kopf gestellt,
Um ein andres zu bauen, wie ich es verstehe,
Welches ganz nach den Wünschen der Menschen sich drehe.26.
O Herr, mit meinem gefangenen Herzen hab' Erbarmen!
Mit meiner Brust voll Bangen und Schmerzen hab' Erbarmen.
Mit meinen Füßen, die mich immer zum Weinhaus lenken,
Mit meiner Hand, die den Becher hebt, mich zu tränken, hab' Erbarmen!27.
O Herr, von der Sorge um mehr oder minder berfreie mich!
Dir zu Liebe würd' ich gern zum Selbstüberwinder; befreie mich!
Nüchternen Blickes erkenn' ich zu klar das Falsche und Aechte;
Laß mich im Rausch vergessen das Böse und Schlechte: befreie mich!28.
Ich bin so geworden, wie mich schuf deine Macht;
Ich habe hundert Jahr in Deiner Gnade verbracht,
Noch einmal hundert Jahre möcht' ich so sehn,
Ob größer Deine Gnade ode meine Vergehn.29.
Weißt Du, warum die Cypresse wird Baum der Freiheit genannt?
Und warum auch die Lilie als Blume der Freiheit bekannt?
Hundert Arme hat jene unn greift doch nicht um sich,
Und zehn Zungen hat diese und hält doch stumm sich.30.
O Herz, bist Du zum Festmahl der Liebe gegangen,
Wirst Du aus Dir heraus zu Dir selber gelangen.
Schnell wirst Du beim Weine des Nichts entschweben
Allen, die noch leben und nicht mehr leben.31.
O Schicksalsrad, Du füllst mein Herz mit Trauer
Und gönnst der Freude stets nur Kurze Dauer,
Machst, daß die Luft um mich zu Wasser werde,
Machst aus dem Wasser, das ich trinke, Erde.32.
O Seele, kannst Du den Leiden des Körpers entschweben,
So wirst Du den Flug zum Himmel erheben,
Wirst in den Höhen des Lichtes thronen
Nach der Schmach, in der Welt des Staubes zu wohnen.33.
O Rose, Du gleichst einem schönen Mädchengesicht!
O Wein, wie der Glanz des Rubins ist Dein Licht!
O Schicksal, Du erscheinst in jedem Momente
Mir fremder, - und ich glaubte doch, daß ich dich kennte!34.
Von der Weltküche soll nichts als Rauch Dein Gericht sein.
Wie lange wirst Du Dich noch Quälen um Sein und Nichtsein?
Diese Welt bringt nur Verlust jedem weltlichen Sinn,
Befrei' Dich davon, und der Verlust wird Gewinn!35.
Wir stören die Menschen nicht in ihrem nächtlichen Schlummer,
Machen nicht, daß sie zu Gott schrei'n in ihrem Kummer.
Auf Schönheit und Reichthum bau' nicht auf Erden:
In Einer Nacht kann Beides geraubt Dir werden.36.
O wollte Gott, es gäb' einen Ort voll Frieden,
Und wir fänden den richtigen Weg schon hienieden!
Wollte Gott, wir könnten einst aus dem Staube
Auferstehen gleich dem frischen Rasen und Laube!37.
Als ich das Buch der Liebe nach dem Schicksal fragte,
Hört' ich einen verliebten Weisen, der sagte:
Glücklich ist, wer der Schönheit zu Haus sich erfreut,
Die ihm Nächte von jahrlanger Glücksdauer beut.38.
Solange Du Knochen hast, Nerven und Adern im Leibe,
Immer standhaft im Haus Deines Schicksals verbleibe.
Weich' keinem Feind, ob es Rustem selber sei,
Nimm von keinem Freunde, und wär dieser Hatem-tai.39.
Du magst Dich an Wein und Rubinenlippen erfreuen,
Dich mag der Klang der Harfe, der Trommel und Flöte zerstreuen:
Dies Alles ist nichts, wie Du selbst, Gott mög' es bezeugen,
So lange Du Dich dem Zwang dieser Staubwelt mußt zeugen.40.
Beweg' Dich unter diesem starren Himmelszelt,
Trink' Wein zum Trost in dieser Trauerwelt,
Da, was vom Staub ersteht, im Staub geht unter,
Zeig, daß Du noch darauf bist, nicht darunter!41.
Da Du alle Geheimnisse kennst, mein Knabe,
Warum quälst Du Dich ab in Furcht vor dem Grabe?
Wenn die Welt auch nicht Alles nach Wunsch Dir treibt,
Sei munter, so lange Dein Odem Dir bleibt!42.
O Schicksalsrad, dein Rollen ist Verderben,
Das Herrlichste und Schönste läßt Du sterben;
Grausamer asl die Erde noch bist Du,
Die so viel Schätze deckt mit Erde zu!43.
O du armes Herz, das sich blutig quält,
Weil Dir keinen Tag Fülle des Unglücks fehlt,
Sag, Seele, was führte Dich in meine Brust,
Die Du doch bald wieder verlassen mußt?44.
Den morgigen Tag kannst Du heute nicht sehn,
Schon den bloßen Gedanken daran nicht verstehn,
Drum wachsamen Geistes verbring nicht vergebens
Das unwiederbringliche Heute des Lebens!45.
Mann muß nicht unnütz an jede Pforte pochen!
Gute Tage versöhnen mit schlimmen Wochen;
Die goldenen Kugeln, die Deine Blicke
Dort oben erspähn, werfen deine Geschicke.
Rustem - der berühmteste Held der iranischen Sage.
Hatem-Tai - Der Name eines durch hohen Sinn und Freigebigkeit sprichwörtlich gewordenen Arabers.