VIERTES BUCH
Die Grenzen der Erkenntniss.  
"Wer Gott ahnet, ist hoch zu halten,
Denn er wird nie in den Schlechten walten."
Goethe
1.
Kein Mensch kann den Schleier der Schöpfung heben,
Uns ward nur ein Obdach auf Erden gegeben,
Die auch von Geheimnissen so erfüllt,
Daß keines Menschen Geist sie enthüllt.

2.
Durchschaute das Herz das Geheimniß des Lebens,
So erforscht' es den Tod und auch Gott nicht vergebens.
Kannst Du heute, noch ganz bei dir Selbst, nichts gewahren,
Was wirst Du morgen, wenn ganz Dir entfremdet, erfahren?

3.
Selbst die Leuchten des Wissens dieser Welt,
    Deren Geist noch Licht zu den Sternen gesellt,
Sind, wie diese, im Verständniß
    Des Göttlichen noch in Verblendniß,
Mit schwindelndem Haupt im Drehen,
    Mit schwindelndem Haupt im Sehen,
Geblendet von allem Glanze
    Im forschenden Blick auf das Ganze.

4.
Durch meine Geburt ward der Welt kein Vortheil geboren;
Durch mein Scheiden wird ihr nichts gewonnen noch verloren.
Warum ich gekommen, warum ich muß scheiden,
Vernahmen noch nie meine beiden Ohren.

5.
Keine Nacht in der ich nicht staune über mich und die Welt,
Keine Nacht, daß auf die Brust nicht ein Thränenstrom fällt.
Wie ein umgestülptes Glas ist mein Hirn nicht zu füllen
Mit den Gaben, die das Räthsel des Lebens enthüllen.

6.
Wohl hofft' ich, daß ich in frommem Drange
Durch Saften und Beeten an's Ziel gelange,
Doch die Nüchternheit hielt nicht lange Stand,
Da sie schon bei dem ersten Schluck Wein verschwand.

7.
Mein ganzes Wesen wird vom Zauber der Schönheit durchleuchtet
Und meine Lippe vom Trank der Erkenntniß befeuchtet.
Theilnehmen am Glück sollen alle meine Glieder,
Bis sie alle in's Ganze sich auflösen wieder.

8.
Wie lange willst Du noch leben
    In selbstvergötterndem Streben,
Im Wahn, es müsse Deine Pflicht sein,
    Den Grund zu suchen von Sein und Nichtsein?
Trink' Wein! Ein Leben, das eilt zum Tod,
    Folgt nur dem einen klugen Gebot,
Sich glücklich bis an's Ende zu bringen
    Mit Wein und sonstigen guten Dingen.

9.
Keiner hat noch das ewige Dunkel des Werdens durchdrungen,
Keinem ist je ein Schritt hinaus aus sich selber gelungen;
Wissen der Weisen wie Thoren,
    Ganz unzulänglich ist Alles,
Was eine Mutter geboren,
    Ganz unzulänglich ist Alles.

10.
Willst Du leben in Frieden,
    Lern' Entsagung hienieden.
Lerne die Bande zerreißen,
    Die Gutes und Böses heißen;
Siehe: nichts hemmt in der Ferne
    Den ewigen Kreislauf der Sterne,
Doch unser Lebenslauf
    Hört bald im Grabe auf.

11.
Niemand kann hinter den Vorhang des Schicksals sehen,
Niemand der Vorsehung Rathschluß verstehen.
Zweiundsiebzig Jahre lang forscht' ich eifrigen Strebens,
Ohne zu lernen, ohne zu lösen die Räthsel des Lebens.

12.
Was sorgst Du, Freund, des Lebens Vorhang zu enthüllen,
Was quälst Du Dich, den Kopf mit unnützen Gedanken zu füllen?
Leb glücklich und vergnügt. Was ist, kam zur Erscheinung
Einst ohne Dich, und braucht auch jetzt nicht Deine Meinung.

13.
Die dem Grabe geworden zum Raube,
    Sind alle geworden zu Staube,
Die einst geeinten Bestandtheile
    Weit zerstreut über die Landtheile.
Ach! Womit nur das Leben getränkt wird,
    Daß es gar so seltsam gelenkt wird,
Und schwindelnden Gesichtes
    Nichts sieht bis zum Tag des Gerichtes!

14.
Wer hat je, der den langen Weg gemacht
In's Jenseits, Kunde davon heimgebracht?
Verlaß Dich, Freund, hier auf kein Hoffnungsglück,
Denn, wenn Du scheidest, kommst Du nicht zurück.

15.
Der Himmel gab sein Geheimniß noch Keinem kund,
Schloß aber schon Tausenden von Königen den Mund.
Trink Wein, Freund: vom Tod kommt kein Leben zurück,
Und es giebt kein Glück als genossenes Glück.

16.
Bei einem Töpfer sah ich gestern zweitausend Krüge,
Die einen stumm, die andern redend als ob jeder früge:
Wer hat uns geformt und wo stammen wir her?
Wer ist hier der Käufer, und der Verkäufer, wer?

17.
Keinen Tag fühl' ich mich frei von den Fesseln der Welt,
Keinen Augenblick hab' ich, wo mir mein Leben gefällt.
Lange hab' ich geforscht nach dem Wechsel im Weltlauf der Dinge,
Doch mein Wissen von Himmel und Erde ist noch geringe.

18.
Wo ist der Gewinn unsres Kommens und Scheidens?
Was bleibt von der Bürde unsres Hoffens und Leidens?
Was bleibt selbst von den herrlichsten Menschen auf Erden,
Denen der Himmel geleuchtet, um Staub zu werden?

19.
Frag' mich nicht nach dem Wechsel von Raum und Zeit,
Auch nicht nach den Mysterien der Ewigkeit.
Betrachte die Gegenwart als Deine Beute,
Laß Vergang'nes und Künft'ges und denk nur an heute.

20.
Willst Du Dein Ohr mir folgsam neigen
    Und wahre Liebe zu Gott bezeigen,
Laß mich als guten Rath Dir sagen:
    Nie den Mantel der Heuchelei zu tragen.
Zur Ewigkeit zählt jede Stunde,
    Und dies Leben währt nur eine Secunde:
Willst Du um solchen Hauch von Zeit
    Verkaufen das Reich der Ewigkeit?

21.
In eitlem Hoffen schlug ich viel Zeit in den Wind,
Ohne zu wissen, was glückliche Stunden sind,
Und nun fürcht' ich, die Zeit wird nicht mehr kommen,
Dir mir giebt, was ich einst nicht selbst genommen.

22.
Verliebt und verwirrt und berauscht sind wir heut
Von Allem, was Herzen und Lippen erfreut,
Ja, wir stehen heut, ganz von uns selber befreit,
An der Schwelle des Thrones der Ewigkeit.

23.
Darf ich Dir sagen mit leisem Munde,
Als was ich den Menschen betrachte im Grunde?
Als ein elendes Geschöpf, das geknetet aus Staub lebt,
Und so lange es lebt, nur dem Kummer zum Raub lebt.

24.
Nichts ward uns als Unglück und Weh in der Welt,
Wo wor flüchtig nur finden ein schützendes Zelt;
Kein Räthsel der Schöpfung wird uns hier gelöt
Und das Leben uns selbst noch im Tode vergällt.