DRITTES BUCH.
Schein und Wesen.  
"Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichniß."
Goethe
1.
Alles sichtbare Sein
    Ist nur Bild und Schein.
Nur ein Thor, wer sich einbildet,
    Daß dies ein wirkliches Sein bildet.
Bist Du klug, überlaß Dich der Freude
    Im traumhaften Weltgebäude,
Und befrei Dich im Geiste des Weines
    Von den Bildern des Truges und Scheines.

2.
Diesen Himmel, der uns blendet durch Glanz der Ferne,
Können wir füglich vergleichen mit einer Laterne.
Das Licht ist die Sonne, das Gehäuse die Welt,
Wir beugen uns staunen vor dem, was sie enthält.

3.
Dieser Krug ist, wie ich, unglücklich lebendig gewesen,
In schöne Augen und Locken verliebt unverständig gewesen.
Dieser Henkel am Halse des Kruges war einst ein Arm,
Der in Umhalsung der Schönen unbändig gewesen.

4.
Vor Dir und mir gab's Morgenröthen und Dämmerungen,
Und haben sich leuchtende Sterne auf himmlischen Bahnen geschwungen.
Wohin Du auch wandelst, Du triffst auf die Augen einst blühender Mädchen,
Die wieder zu Staube geworden, wie einst sie dem Staube entsprungen.

5.
Wer glaubt, daß seine eigenen Geschöpfe
Der Schöpfer tödtet! - Diese schönen Köpfe,
Reizvollen Händ' und Füße: schuf bethört
Die Liebe sie, daß sie der Haß zerstört?

6.
Du sahst die Welt, doch was im Weltenall
    Zu Deinen Augen kam, ist bloßer Schein;
Du sahst und hörtest viel, doch auch der Schall
    Wie ihn Dein Oher vernahm, ist bloßer Schein;
Von einem Ende dieser Welt zum andern
    Trug Dich Dein Fuß -
Nun ruhst Du aus, sinnst über manchen Fall -
    Das darin wundersam, ist bloßer Schein.

7.
Unwissender Mensch! Dieser Leib, aus Staub gewoben, ist Nichts;
Auch jenes Glanzgewölbe mit seinen neun Himmeln dort oben, ist Nichts.
Darum genieße die Freuden des flüchtigen Lebens,
Denn auch dies athmende Sein, schnell wie gekommen, zerstoben, ist Nichts.

8.
Einen Greis, den ich sah berauscht aus der Schenke treten,
Einen Krug in der Hand, auf der Schulter den Teppich zum Beten,
Fragt' ich: was soll das bedeuten? Und er sprach: trinke Wein.
Denn die Welt ist nur Wind sonst und staubiger Schein.

9.
Chajjam, der die Zelte des Wissens genäht,
Versinkt einst in's Nichts mit all' seinem Geräth.
Durchschnitten wird ihm der Lebensfaden,
Und die Welt verkauft seinem Nachlaß mit Schaden.

10.
Nur als Gürtel schlingt das Weltall sich um unser dürftig Sein,
Eine Spur nur ist der Oxus unsrer blutigen Thränenpein.
Nur ein Funke ist die Hölle selbsterzeugten Qualgeschicks,
Und der Himmel nur der Segen eines ruhigen Augenblicks.

11.
Jetzt, wo noch mein Aug' und Odem auf den Schein der Dinge stößt,
Scheint mir, wenig Lebensräthsel geb' es, die ich nicht gelöst;
Doch mich gründlich prüfend find' ich an der Summe des Erkennens:
Was mir klar im dunklem Leben wurde, ist nicht werth des Nennens.

12.
Die den Teppich zum Gebete mit devotem Bücken tragen,
Sind wie Esel, die des Heuchelns Werkzeug auf dem Rücken tragen.
Schlimmer als die Heiden glauben diese Islamheuchler selbst nicht
An das Wort, das sie zum Volk in heiligem Verzücken tragen.

13.
Wie lange wirst Du Dich von Düften und Farben blenden lassen?
Wann Dein Forschen über Gutes und Böses enden lassen?
Und wärest Du der Lebensquell selber, Du müßtest
Es doch bei der Rückkehr zum Staube bewenden lassen.

14.
Wenn der Todt mich einst weckt vom Erdentraume
    Und die Hüllen sich lockern an Lebensbaume,
Um allgemach ganz zu verwettern
    Und abzufallen gleich dürren Blättern,
Dann wird durch das Sieb des Körpers dringen
    Die Seele, sich jauchzend nach oben zu schwingen,
Bevor noch ein Maurer sich fühlt getrieben,
    Meinen Körperstaub hier unten zu sieben.

15.
Ich weiß, wie Sein und Nichtsein sich uns offenbaren,
In Ergründung der höchsten Gedanken bin ich erfahren;
Doch all' dieses Wissen wäre nur Scheingenuß,
Wenn's nicht verklärt würde durch Weingenuß.

16.
Halte treu mit den Freunden des Weins zusammen,
Brich mit ihnen alle Formen des Scheins zusammen,
Wie Fasten und Frömmeln. Doch immer thu' Gutes,
So Fällt die That und mein Rath in Eins zusammen.

17.
Gerechtigkeit ist die Seele der Welt,
    Die das Weltall als Körper zusammenhält.
Die Engel dienen als Sinne nur,
    Und alle sonstige Kreatur,
Sammt Urstoff, drin Alles sich auflöst wieder,
    Bildet des Weltenleibes Glieder.
Das ist das ewige Eins im All,
    Und alles Andre Trug und Schall.

18.
Hast Du Verstand, lern' ihn bemeistern,
    Soll der Wein der Ewigkeit Dich begeistern;
Doch wenn Du nie Verstand besessen,
    Kannst Du ihn und Dich selber nicht vergessen,
Dich nicht dem Schein der Zeit entheben,
    Im Sein der Ewigkeit zu leben.
Es werden des Selbstvergessens Wonnen
    Nicht von jedem Selbstvergessnen gewonnen.