ZWEITES BUCH.
Der Gott des Koran und sein Prophet. 
 
"Wenn ich den Scherz will ernsthaft nehmen,
So soll mich Niemand darum beschämen;
Und wenn ich den Ernst will scherzhaft treiben,
So werd ich immer derselbe bleiben."
Goethe
1.
O Du, der nichts zu thun mit Sünden hat,
Sag Dem, der Einsicht dies zu künden hat:
Wie dumm die Schicksalslehre, die Dich selber
Als Quell des Uebels zu begründen hat!

2.
Du hast mich erschaffen aus Wasser und Erde;
    Was kann ich dazu?
Du schufst Alles, womit ich bekleidet werde;
    Was kann ich dazu?
All mein Gutes und Böses hast Du vorausbestimmt;
Ob und wie ich nun Leib und Seele gefährde,
    Was kann ich dazu?

3.
Man sagt: von der Auferstehung geht's zum Gerichte
Und der Herr wird erscheinen mit zornigem Gesichte
Doch vom Allmächtigen kann nichts kommen als Gutes,
Darum fürchte Dich nicht, sondern sei guten Muthes!

4.
Verzweifle nie in Deiner Sündenpein
An des Allmächtigen Gnade und Verzeihn!
Gingst Du im tollsten Rausche heut zu Grunde,
Gott strafte morgen doch nicht Dein Gebein.

5.
Du hast unser Dasein hier seltsam geprägt
Und die seltsamsten Wahnbilder dadurch erregt.
Wie kann ich mich bessern? Ich trage Dein Siegel,
Bin, wie ich hervorging aus Deinem Tiegel.

6.
Du, Herr, bist der Lenker von Leben und Tod,
Es kreist Himmel und Erde nach Deinem Gebot.
Wenn ich schlecht als Dein Sclav' bin, was kann ich dazu?
Der Schöpfer von Allem bist Du!

7.
Wo ist der Mensch, der nie gesündigt hienieden? Das sage mir!
Wie lebte der, der alle Sünde gemieden? Das sage mir!
Thu' ich Böses, und Du vergiltst es mit Bösem,
Wodurch sind wir Beide denn unterschieden? Das sage mir!

8.
Was quälst Du Dich um Schuld, die längst geschah?
Ist Gnade doch nur für die Schuld'gen da.
Drum, wer sich rühmt, daß er vom Tugendpfade
Sich nie verirrt, der findet keine Gnade.

9.
Ich bin mit so tiefem Vertrauen zu der göttlichen Gnade geboren,
Daß ich dabei das Gefühl für Gehorsam und Unrecht verloren.
Was verschlägt es dem Herrn in seiner unendlichen Gnade,
Was wir gethan und was nicht, ob wir schief gewandelt, ob grade!

10.
Der Koran, als heiliges Buch geweiht,
Wird doch nur gelesen von Zeit zu Zeit;
Nur der sonnige Becher lockt immer vertraulich
Zur Quelle des Lichts, und wirkt immer erbaulich.

11.
Man behauptet, daß eine Hölle sei
    Und kommt zu mir und droht damit.
Ich halte die Hölle für Narrethei.
    Drum hab' ich keine Noth damit.
Denn gäb' es wirklich ein solch Verließ
    Für der verliebten Trinker Heer,
So wäre morgen das Paradies
    Wie meine hohle Hand so leer.

12.
Von den Dogmen glaub nur solche, die den Geist zu Gott erheben.
Von dem Brote, das Du hast, wirst Du gern auch Andern geben.
Sprich nichts Böses, thu nur Gutes, suche keines Menschen Pein,
Und Du wirst das ewige Leben haben, sag' ich Dir. Nun bring mir Wein!

13.
O Du, der den Mächtigen auf Erden gebeut,
Weißt Du, wann der Wein unsre Herzen erfreut?
Jeden Tag in der Woche, ganz ausnahmlos,
Und das immer so oft sich die Woche erneut.

14.
Gott hat uns Wein verheißen im Paradiese;
Taugt Wein für jene Welt, warum nicht für diese?
Ein trunkner Araber schlug Hamsa's Kameele ein Bein ab,
Zur Sühne dafür hält der Prophet uns vom Wein ab!

15.
Verehrungsvoll grüßt von mir den Propheten:
Zu offenbaren mir sei er gebeten,
Warum uns saure Milch mit Salz und Eis erlaubt,
Und reiner Wein verboten überhaupt?

16.
Bringt meinem Gruß Chajjam und redet so:
Unwissender, wann sagt' ich Dir und wo,
Der Wein sei nicht erlaubt? Nur dummen Tröpfen
Gilt mein Verbot, nicht aber klugen Köpfen.

17.
Den Koran in der einen, den Becher in der andern Hand,
Sind wir bald dem Erlaubten, bald dem Verbot'nen zugewandt.
Sind weder ganze Ketzer, noch ganz des wahren Glaubens voll;
So daß der Himmel selber nicht weiß, wie er er nehmen soll.

18.
Man sagt, es giebt ein Paradies voll Huris, Honig und Wein,
Doch was erlaubt im Himmel ist, muß es auch auf Erden sein.
Sind Wein und Schöne Frau'n das Ziel, wohin wir dereinst gelangen,
Worin besteht die Schuld, daß wir schon hier danach verlangen?

19.
Man sagt, es giebt ein Paradies, wo Huris uns umschlingen,
Wo klarer Wein und Honig fließt und Lebensquellen springen.
Bring' Wein! Mir scheint im fernes Glück zu dursten nicht vernünftig:
Ein Tag der Freude ist mir jetzt mehr werth als tausend künftig.

20.
Trinkst Du jeden Tag in der Woche Wein,
Warum soll es am Freitag nur Sünde sein?
Gott geht nicht mit Stunde und Tag in's Gericht,
Ihm gilt unsre Andacht, dem Tage nicht.

21.
Meinen Weinkrug hast Du mir zerschlagen, o Herr!
Der Wein floß in den Staub statt in den Magen, o Herr?
Die Pforte des Genusses hast Du mir verschlossen,
Ich blieb nüchtern: kannst Du das auch sagen, o Herr?

22.
Von allen Seiten hast Du uns mit Schlingen bedroht
Und sprichst: wer hineinfällt, den trifft der Tod.
Du suchst selbst uns verlockende Fallen zu stellen
Und strafst dann, wen sie verlockt, als Rebellen.

23.
Wir haben Alles dahingegeben,
Was die Gläubigen als ihr Höchstes erstreben;
Wir verzichten im klugen Genuß der Zeit
Auf Lohn und Strafen der Ewigkeit.