ERSTES BUCH.
Die Gottheit des Dichters.

"Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße
Im Kreis die Welt am Finger laufeb ließe!
Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst.
Goethe

 

1.
D
er Tropfen hat ob seiner Trennung vom Weltmeer geklagt,
Drauf hat lächelnd das Weltmeer zum Tropfen gesagt:
Wir sind Eins in der Gottheit, in Wahrheit untrennbar,
Was zu trennen uns scheint, ist ein Punkt kaum erkennbar.

2.
Ich bin in stetem Kampf mit meinem Herzen, - was soll ich thun
Erinn'rung früh'rer Schuld macht mir viel Schmerzen - was soll ich thun?
Verzeihst Du, Herr, auch gnädig meine Sünden:
Das Schuldbewußtsein ist nicht auszumerzen, - was soll ich thun?

3.
Glaub nicht, daß Furcht vor der Welt mich quäle,
Oder Furcht vor dem Tod und der Flucht der Seele!
Nichts fürcht' ich, als, wenn sie mich einst begraben:
Nicht würdig genug gelebt zu haben.

4.
Vor Gottes Auge Wahrheit gilt allein,
Doch vor den Menschen gilt nur Trug und Schein.
Einst ging ich auch mit Trug und Schein im Bunde,
Doch Wahrheit riß den Lügenbau zu Grunde.

5.
Du in der ganzen Welt mein höchstes Ziel und Streben,
Mir theurer als das Licht der Augen, Seel' und Leben:
Schätzt man das Leben auch als höchstes Gut,
Mit Freuden hundertmal für Duch würd' ich es geben!

6.
Oeffne die Pforte mir, Du kannst es allein!
Zeig mir den Weg, der zu Dir führt ein!
Aller Sterblichen Hülfe ist mir unzulänglich,
Nur Du führst zum Heil, das, wie Du, unvergänglich!

7.
Wenn Du mich Anfangs bestimmtest, mich selbst zu erkennen,
Warum triebst Du mich dann, von mir selbst mich zu trennen?
War's Dein Wille, mich zu verlassen, nicht von vornherein,
Warum in den Wirwar der Welt warf mich Dein Zorn herein?

8.
Bald verhüllßt Du den Augen der Menschen Dich ganz,
Zeigst bald Dich in Bildern der Schöpfung voll Glanz.
Für Dich selbst schaffst Du Alles an Wundern so reich,
Bist Inhalt der Schauspiels, Zuschauer zugleich.

9.
Du, dessen heilig Geheimniß wir nicht verstehn,
Siehst nicht auf unseren Gehorsam noch unsere Vergehn.
Die Sünde beugt mich, die Hoffnung erhebt mich,
Das Vertrauen zu Dir, Allbarmherziger, belebt mich.

10.
Kein Herz hat ohne Dich ein wahres Leben,
Kein Lichtgeist, der nicht gänzlich Dir ergeben,
Und ob Du Dich auch selbst um Niemand kümmerst,
Strebt Jeder doch zu Dir sich zu erheben!

11.
O Herr, kein Frömmler kann Dich hier
    In deiner Gnade schätzen wie wir.
Ein Fremder kann Dich nicht erkennen,
    Wie die sich Deine Freunde nennen.
Man sagt, daß Du die Sünde rächtest
    Und alle Sünder zur Hölle brächtest;
Wir glauben das nicht, trotz unsrer Schuld,
    Und bauen fest auf Deine Huld.

12.
Die ganze Welt ist in trostlosem Suchen nach Dir befangen,
Der Derwisch wie der Nabob ist ohne Mittel zu Dir zu gelangen,
Deinen Namen nennt Jeder, aber Alle sind taub,
Du erscheinst jedem Auge, doch sie sind alle verhangen.

13.
Wenn die Himmel sich spalten,
    Und die Sterne erkalten,
Dann auf Deinem Pfade,
    Herr der Strafe und Gnade,
Will ich Dich fragen,
    Du sollst mir sagen:
Warum nahmst Du das Leben,
    Das Du selbst mir gegeben?

14.
Ich bin ein Sclav', der die Kette bricht -
    Wo ist Dein Wille? er hemmt mich nicht.
Mein Herz ist schwarzer Sünden voll -
    Wo ist Dein Licht, das mir leuchten soll?
Kommt nur der Fromme in's Himmelreich,
    So kommt der Lohn dem Verdienste gleich -
Wo aber bleibt bei unsrer Schuld
    Dann dein Erbarmen, Deine Huld?

15.
Deine Barmherzigkeit macht keine Furcht in mir rege,
Deine Fürsorge schützt mich vor Mangel allerwege,
Deine Gnade macht weiß mein Angesicht,
Und vor dem schwarzen Buche erschreck' ich nicht.

16.
So etwa zweiundsiebzig Sekten die Welt der Gläubigen zählt,
Als einziges aller Dogmen hab' ich die Liebe zu Dir erwählt.
Was ist mir Glaub' und Ketzerei? mein einziges Ziel bist Du!
Mag Jeder glauben was er will: ich strebe Dir nur zu!

17.
Ich mag lieber mit Dir sein in der Schencke,
    Um dir Alles zu sagen, was ich denke,
Als ohne Dich vor die Kanzel treten,
    In gedankenlosen Worten zu beten.
Ja, Du Schöpfer aller Dinge
    Im kreisenden Weltenringe,
So will ich leben und sterben,
    Zum Segen oder Verderben!

18.
Du gabst uns Triebe, die uns gewaltsam treiben,
    Und befiehlst uns, wir sollen enthaltsam bleiben.
Durch diesen zwiespältigen Zustand
    Kommen wir Armen zu keinem Ruhstand.
Es ist uns in unsrer Noth
    Als heischte dein Gebot,
Einen vollen Weinkrug umzukehren
    Und doch ihm, auszufließen, zu wehren.

19.
Mit der Perle des Gehorsams ward ich nicht geeinigt,
Vom Staub Deiner Füße ward mein Herz nicht gereinigt:
Und doch hoff' ich vor den Thron Deiner Gnade zu treten,
Da ich nie Dich geplagt habe mit Klagegebeten.

20.
O Du, der aller Menschen Gedanken und Herzen geprüft,
Und Jeglichen wieder erhebt, der durch Schmerzen geprüft;
Daß Du Erhebung auch mir, der in Sünden gefallen, gewährst,
Fleh' ich Dich an, o Herr! wie Du sie Allen gewährst.

21.
O Hort meiner Seele, einem Compaß gleichen wir beiden:
Im Körper der Nadel geeint, deren Pole sich scheiden.
Um Einen Punkt drehen wir uns, die jetzt gesondert erscheinen,
Doch es kommt einst der Tag, wo die beiden Pole sich einen.

22.
Aus Liebe zu dir will ich freudig Schmähung und Plagen,
Und - fehl' ich hierin - auch gern deine Strafen ertragen.
Ja, währte die Qual bis zum letzten Tag meines Lebens:
Ich dehnte sie gerne noch aus, und Du prüftest mich nicht vergebens.

23.
Wär' ich mit allen Sünden der Welt beladen,
Du reichtest doch, Herr, Deine Hand mir in Gnaden.
Du verhießest sie mir, würd' ich des Elends Beute:
O laß mein Elend nicht wachsen, groß ist es schon heute.

24.
Zur Ka'bà treibt's die Gläubigen des Propheten,
Den Kirchenglocken folgt der Christ zum Beten.
Kreuz, Rosenkranz und Kanzel will ich preisen
Wo sie den Weg zu Gott und Wahrheit weisen.

25.
Wie thöricht, daß Dich Todesbangen quäle!
Aus jenem Nichts, davor Dir graut, wächst Alles.
Seit Jesu Hauch belebt hat meine Seele,
Sind Tod und Nichts mir Worte leeren Schalles.

26.
Nicht blos vor den Ohren
    Unwissender Thoren,
Selbst vor Nachtigallen
    Darf kein Wort erschallen.
Unser Höchstes, Geheimstes zu enthüllen.
    O Herr, welche Qual, dies Gebot zu erfüllen!

27.
Ich habe vor mir des Begehrens Pforte geschlossen
Und mich gänzlich befreit von guten und schlechten Genossen.
Nur der Eine wahre Freund lebt, dem ich ganz mich ergebe,
Und es kümmert nur Ihn und mich, wie ich bin und lebe.

28.
O, werdet nicht sorglos zu sehr geblendet
Vom Treiben der Welt! Ihr seht, wie es endet.
Führt die atmende Dasein nicht vergebens
Und haltet Euch immer zum Quell des Lebens.

29.
Wer der Saat reiner Freude gewußt sein Herz zu erschließen,
Dem wird kein einziger Tag verloren in Schmerzen verfließen:
Sei es, daß er die Blicke vertrauend zum Himmel erhebe,
Sei es, daß ihm den Friede die Tochter der Rebe.

30.
Wir leben in einer Liebe Bann,
    Die unverständlich dem Muselmann.
Wie die Ameise, die zu Salomo kam,
    Der von der armen Geschenke nahm,
So werden wir fürstlich aufgenommen
    Wenn wir im Bettlerkleide kommen.
Die Liebe ist unsre ganze Habe,
    Wir bringen uns selbst als Opfergabe.

31.
Ein jegliches Herz, das die Liebe verklärt,
Gleichviel welcher Glaube die Andacht nährt,
Hat die Leuchte zum Ziel alles Höchsten gefunden,
Hat Himmel und Hölle in sich überwunden.

32.
Dieser Wein, dessen Geist vielgestaltiger Art
In der Pflanze sich gleichwie im Thier offenbart,
Bleibt immer derselbe, ein ewiges Eins,
Nur wechselnd die Formen des Schwindenden Seins.

33.
O Freund, die Zeit droht uns hinzuraffen,
Wir sind in der Welt nicht zum Bleiben erschaffen;
Doch so lang wir am Wein hier erfrischen uns,
Glaub', Freund, Gott selber ist zwischen uns.

34.
O Allmächtiger, Du übst Gnade, und die Gnade ist Erbarmen;
Warum denn aus Edens Garten jagt'st Du Adam fort, den Armen?
Ist das Gnade, nicht zu strafen, wer nach Deiner Vorschrift handelt?
Gnade ist, dem zu verzeihen, der verbotene Wege wandelt.

35.
Kann mein Gehorsam Deinen Glanz vermehren?
Kann meine Sünde Deine Macht versehren?
Verzeih' mir, Herr! Ich weiß, Du bist allein
Langsam im Strafen, doch schnell im Verzeihn.

36.
Alle Geheimnisse kennt der Herr von Himmel und Erde,
Jegliches Haar auf dem Haupt und im Antlitz jede Geberde;
Magst Du durch Heucheln, o Thor, auch thörichte Menschen betrügen:
Glaubst Du, daß auch der Herr des Wissens getäuscht von dir Werde?

37.
Es giebt Leute, die aus alberner Einbildung sich stolz in die Brust werfen;
Andre, die den Blick in das Jenseits mit paradiesischer Luft werfen;
Wenn einst der Vorhang sich hebt, so werden sie lernen,
Wie sie's gemacht, o Herr, sich weit, weit von Dir zu entfernen.

38.
Vom Unglauben zum Glauben hin ist nur ein Hauch,
Wie vom Zweifel bis zur Gewißheit auch;
So mach' uns der winzige Sprung keine Noth,
Trennt doch nur ein Hauch selbst das Leben vom Tod!